"Wir wollen neue Ideen ins Land hinaustragen"

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat bei der FONA-Roadshow Kommunen dazu aufgerufen, mit Forschenden für Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu kooperieren. „Wir werden unsere Ziele nur erreichen, wenn wir regional etwas bewegen“, sagte sie.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek bei ihrer Rede in Emsdetten.
  © Katharina Fial

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich der Roadshow Nachhaltige Entwicklung am 07. März 2019 in Emsdetten.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Haase,

Sehr geehrter Herr Dr. Sommer, lieber Martin,

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Klimawandel hat uns längst erreicht – nicht nur in der Person einer Greta Thunberg. Das sehen wir nicht nur, wenn in der Antarktis gigantische Eisgebirge einstürzen. Das spüren wir auch hier bei uns.

Spätestens im vergangenen Sommer mit der langen Hitze- und Dürreperiode haben wir eine Ahnung davon bekommen, wie Klimawandel das Leben auch in unseren Breitengraden verändern wird. Hier in Emsdetten. In Nordrhein-Westfalen. In Deutschland. Wenn wir nichts dagegen unternehmen.

Es ist fünf vor 12. Wir müssen jetzt handeln, wenn wir unsere Schöpfung bewahren wollen. Wenn wir wollen, dass auch die Kinder unserer Kinder auf einem genauso lebenswerten Planeten leben können wie wir heute.

Der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung steht. In 30 Jahren klimaneutral wirtschaften – das ist das Ziel: Wir nutzen nur noch regenerative Energie: Wind, Sonne, Wasser;

  • Schluss mit Atomenergie;
  • Schluss mit Kohleverstromung.

Schluss mit Kohle. Das sagt sich so einfach. Was das für die Menschen heißt, die von der Kohle leben, wissen wir hier in der Region genau. Im letzten Jahr wurde die letzte Schicht gefahren. Das Ende von 500 Jahren Steinkohlenbergbau.

Seit Jahren haben wir uns hier darauf vorbereitet. Deswegen gelingt der Strukturwandel. Und so muss uns das überall in Deutschland gelingen. Wie kann das gelingen? Wie müssen wir unsere Städte verändern? Wie sichern unsere Mobilität – gerade auf dem Land? Wie erhalten wir unsere Industrie? Wie unseren Wohlstand?

Sie fragen die Bundesforschungsministerin. Da liegt die Antwort auf der Hand: Durch Forschung und Innovation. Forschung liefert uns das Wissen, auf dessen Grundlage wir entscheiden, wie wir am besten umsteuern können. Deswegen haben wir seit 2005 mehr als fünf Milliarden Euro in Forschung für mehr Nachhaltigkeit investiert.

Forscherinnen und Forscher arbeiten mit Hochdruck:

  • an der Energieversorgung der Zukunft;
  • an einer Kreislaufwirtschaft, die unsere Ressourcen schont;
  • an Lösungen für den ständig wachsenden Verkehr; Elektromobilität, autonom fahrende Autos, intelligente Verkehrslenkung – um nur einige Stichworte zu nennen.

Dieses Land hat wenig Rohstoffe und nur ein Prozent der Weltbevölkerung. Aber unter diesem einen Prozent sind viele kluge, gut ausgebildete, innovative Menschen. Das Weltwirtschaftsforum hat uns gerade wieder zum Innovationsweltmeister gekürt. Mit dieser Innovationskraft werden wir die vielen Schritte der Veränderung bewältigen und gleichzeitig unseren Wohlstand wahren. Grüne Technologien aus Deutschland können ein Exportschlager werden.

Wir werden einiges ausprobieren müssen, damit wir wissen, was funktioniert und was nicht. Ausprobieren – das können nicht allein Forschende im Labor. Wer ausprobieren will, ob seine Ideen in der Praxis funktionieren, der muss raus gehen ins Land. In die Städte und Gemeinden. Raus zu den Menschen vor Ort.

Am besten arbeiten Forschende und Kommunen von Anfang an zusammen. Auch das unterstützen wir im FONA-Programm. So entstehen neuartige, unkonventionelle Lösungen.

Eine hat mich besonders fasziniert. Dabei werden Ackerflächen doppelt genutzt: für die Landwirtschaft und für Energiegewinnung. Unten wächst das Gemüse, oben wird in einer Photovoltaik-Anlage Energie gewonnen. Heute Nachmittag können Sie einen Vorgeschmack davon bekommen. Lassen Sie sich inspirieren!

Genau das wollen wir erreichen mit der FONA-Roadshow: Sie inspirieren! Wir wollen neue Ideen ins Land hinaustragen. Damit sich die besten Ideen durchsetzen. Und damit diese Ideen Sie, sehr geehrte Damen und Herren, anregen, eigene Nachhaltigkeitsprojekte oder auch Strukturwandel-Projekte zu entwickeln.

Wir unterstützen Sie. Wir eröffnen Kommunen die Möglichkeit, sich für ein einjähriges Coaching zu bewerben, um Ihre Gemeinde zukunftsorientiert aufzustellen. Nutzen Sie diese Chance! Denn Nachhaltigkeits-Projekte sind oft keine „one size fits all“-Lösung. Am besten wirken Sie, wenn sie direkt für eine Kommune zugeschnitten sind. Wenn eine Kommune selbst sie auf sich zuschneidet. Ab Anfang April werden wir 25 „Zukunfts-Kommunen“ auswählen, die Professor Heck und sein Team ein Jahr lang intensiv begleiten werden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, gilt: „Denke global, aber handle lokal!“ Wir werden unsere Ziele nur erreichen, wenn wir regional etwas bewegen.

Alle Städte und Gemeinden sind aufgefordert, immer neue Wege zu suchen, um nachhaltig zu wirtschaften. Zum Beispiel bei den Flächennutzungsplänen: Welche Flächen können für erneuerbare Energien genutzt werden? Wer profitiert davon? Wer könnte gestört werden? Unterschiedliche Interessen immer wieder auszugleichen, ist keine leichte Arbeit. Aber eine wichtige.

Kleine, ländliche Kommunen spielen hier eine Vorreiter-Rolle. Sie sind oft sogar Innovationsführer. Denn in kleinen Gemeinden sind die Wege zwischen Verwaltung, Politik und Bürgern oft kurz. Man kennt sich. Man setzt sich schnell an einen Tisch und entwickelt gemeinsame innovative Lösungen.

Beispiele dafür finden wir an vielen Orten in Deutschland – insbesondere auch hier in der Region. Schauen Sie sich den Bioenergiepark Saerbeck heute Abend an – ein hervorragendes Beispiel, wie eine lokale Energiewende umgesetzt werden kann.

Ich bin stolz darauf, dass die Region Steinfurt zu den Vorreiter-Kommunen in Nordrhein-Westfalen und bundesweit gehört. Das zeigen sowohl der Preis für ein Digitalisierungskonzept, den das Bundeswirtschaftsministerium an Emsdetten verliehen hat. Und die Vorauswahl des Kreises Steinfurt neben Köln und Düsseldorf als „Modellregion Wasserstoffmobilität“. Herzlichen Glückwunsch dazu und zu ihrem beispielgebenden Engagement!

Sehr geehrte Damen und Herren,

große Herausforderungen lösen wir am besten gemeinsam.

  • mit klugen Forschern,
  • mit experimentierfreudigen Gemeinden,
  • mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern.

Ohne Sie als Innovationsführer und Vordenker vor Ort können wir unsere Strategien nicht schnell voranbringen. Ohne Sie bleiben viele Chancen ungenutzt.

Daher danke ich Ihnen allen, dass Sie heute nach Emsdetten gekommen sind. Greifen Sie neue Impulse auf. Entwickeln Sie eigene Lösungen. Lassen Sie uns gemeinsam unsere Schöpfung bewahren.