Antikörper gegen Leukämie

Der menschliche Körper hat ein großes Repertoire an Abwehrkräften, die ihn erfolgreich gegen Krankheiten schützen. Die Tübinger Firma Synimmune setzt auf neuartige Immuntherapien, die das Abwehrsystem im Kampf gegen Leukämie mobilisieren sollen.

Eine T-Zelle greift Krebszellen an. © Thinkstock/selvanegra

Als Martina Hausmann* in die Universitätsklinik Tübingen kam, gab es für sie kaum noch Hoffnung auf Heilung. Die Leukämie-Patientin galt als „austherapiert“. Das bedeutet, dass die Möglichkeiten der Behandlung eigentlich ausgeschöpft sind. Im Fall von Frau Hausmann konnten Chemotherapie und Knochenmarktransplantation die fortschreitende Leukämie nicht stoppen. Doch eine Chance gab es noch für sie: Die Krebskranke willigte ein, an einem so genannten individuellen Heilversuch teilzunehmen, dem Test eines Medikaments, das jedoch noch nicht zugelassen ist.

Antikörper erkennen Krebszellen

In der Universitätsklinik bekam Martina Hausmann unter strengen Sicherheitsvorkehrungen Infusionen mit speziellen Antikörpern. Sie sollten ihrem Immunsystem im Kampf gegen die Tumorzellen auf die Sprünge helfen. Das war vor mehr als drei Jahren. „Heute berichtet die Patientin in Medizin-Vorlesungen von ihren Erfahrungen mit der Antikörper-Therapie. Sie schreibt dem Ärzteteam Postkarten aus dem Urlaub und hat ihre Wohnung noch einmal komplett neu eingerichtet“, erzählt Ludger Große-Hovest. Für den Biologen ist dies nicht nur eine Geschichte der Hoffnung, sondern auch der beste Beweis dafür, dass die Arbeit seines Teams bei der Firma Synimmune erfolgreich war.

Ludger Große-Hovest, Geschäftsführer von Synimmune © Privat

Immuntherapien − Hilfe zur Selbsthilfe

Krebsforscherinnen und -forscher setzen im Kampf gegen Tumore verstärkt auf Immuntherapien. Dafür mobilisieren sie das körpereigene Abwehrsystem der Patientinnen und Patienten. Synimmune entwickelt hierfür spezielle Antikörper. Sie werden den Betroffenen gespritzt und ermöglichen dem Körper eine Art Hilfe zur Selbsthilfe: Die Antikörper machen die entarteten Krebszellen für das Immunsystem sichtbar, so dass dieses den Tumor effektiv bekämpfen kann. Diese Strategie ist zwar nicht neu, wurde mit den neuartigen Antikörpern jedoch optimiert.

Antikörper haben eine Y-Form. Der obere Teil des Ypsilons erkennt hoch-spezifisch Strukturen auf der Oberfläche von Tumorzellen und dockt daran an. Der untere Teil des Antikörpers, der so genannte Fc-Teil, bindet wiederum an die natürlichen Killerzellen des Immunsystems, die NK-Zellen. Dadurch werden diese aktiviert und zerstören die Tumorzellen. „Allerdings ist die Wirkung einer Antikörperbehandlung oft begrenzt und hält nur kurz an. Synimmune hat durch Optimierung der Fc-Teile die Effizienz und Wirksamkeit dieser Antikörper deutlich gesteigert“, sagt Große-Hovest, wissenschaftlicher Leiter von Synimmune, einer Ausgründung der Universität Tübingen.

Diese bessere Wirksamkeit konnten die Forscherinnen und Forscher bereits im Rahmen individueller Heilversuche bei mehreren Patientinnen und Patienten nachweisen. Synimmune will die entwickelten Wirkstoffe zur Marktreife führen. Dabei unterstützt das Bundesforschungsministerium die Firma im Rahmen der „Gründungsoffensive GO-Bio“.

Enge Verknüpfung von Forschung und Klinik

Immuntherapien mit Antikörpern gehören bei der Behandlung vereinzelter Krebsarten inzwischen zum Standard. So wird der Antikörper Herceptin erfolgreich für die Therapie bestimmter Brust- und Magenkrebserkrankungen eingesetzt. Die Pharmaforschung hat bereits zahlreiche weitere Antikörper im Visier. „Bislang dauert die Entwicklung eines marktreifen Wirkstoffs jedoch viel zu lange“, sagt Große-Hovest. „Unser Ziel ist es, innovative Krebsmedikamente effizienter und schneller vom Labor zum Patienten zu bringen.“ Synimmune kommt dabei die enge Anbindung an die Universitätsklinik Tübingen zugute. Die Ärztinnen und Ärzte haben den direkten Kontakt zu den Krebskranken. Zusammen mit der Firma bereiten sie die klinischen Studien vor. Wenn diese erfolgreich verlaufen, dann könnte die Therapie bald schon für noch mehr Menschen eine zweite Chance sein.

*Name von der Redaktion geändert

Der Wettbewerb GO-Bio

Eine gute Idee ist noch kein marktreifes Produkt und ein hervorragender Wissenschaftler noch kein erfolgreicher Firmenchef. Um die Finanzierungslücke zwischen öffentlicher Forschung und privater Firmenfinanzierung zu schließen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Wettbewerb „Gründungsoffensive Biotechnologie − GO-Bio“ ins Leben gerufen. Die geförderten Arbeitsgruppen sollen neue Forschungsansätze in den Lebenswissenschaften verfolgen und deren kommerzielle Verwertung zielgerichtet vorbereiten. Firmengründungen werden somit erleichtert. Seit 2005 hat das Ministerium im Rahmen von sechs Auswahlrunden 45 Projekte unterstützt, aus denen bereits 22 Unternehmensgründungen hervorgegangen sind. Eine siebte GO-Bio-Auswahlrunde wird derzeit umgesetzt.