„Wirtschaftstag der Innovationen“ des Wirtschaftsrats der CDU e.V.

Rede von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, in Berlin

Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, während seines Impulsvortrages im Panel 1 'Der Weg zur Smart Factory - Industrie 4.0 als nächste digitale industrielle Revolution' im Rahmen des Wirtschaftstages der Innovationen
Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, während seines Impulsvortrages im Panel 1 "Der Weg zur Smart Factory - Industrie 4.0 als nächste digitale industrielle Revolution" im Rahmen des Wirtschaftstages der Innovationen © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Sehr geehrter Herr Steiger,
Sehr geehrter Herr Kollege Wittke,
Meine sehr geehrten Damen und Herren,

vielen Dank für die freundliche Begrüßung. Es freut mich sehr heute hier sein zu dürfen, ich bin Ihrer Einladung sehr gerne gefolgt.

Der heutige Wirtschaftstag steht unter der Überschrift „Europa gestalten im digitalen Zeitalter“. Das ist ein wichtiges Thema. Kaum etwas wird die Wirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahren so verändern, wie die Digitalisierung. Viele dieser Veränderungen sehen wir ja schon heute. Das Thema macht aber auch zwei Aspekte deutlich, die ich für entscheidend halte:

1. Wir müssen diese Entwicklung aktiv gestalten. Wir dürfen nicht bloß am Seitenrand stehen. Wir müssen deutlich machen, welchen Weg wir gehen wollen und dabei den Nutzen im Einzelnen in den Vordergrund stellen.

Und 2. Das wird uns nur in Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern gelingen. Denn unsere Konkurrenten sind China und die USA und dieser Marktmacht müssen wir etwas entgegensetzen.

Das sind große Herausforderungen. Aber wir haben bereits gezeigt, dass wir in der Lage sind, hierfür Lösungen zu entwickeln. Vor einigen Jahren haben wir das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 mit dem Anspruch gestartet, den digitalen Wandel in der deutschen Industrie zu gestalten.

Heute können wir sagen: Es war ein sehr erfolgreicher Weg. Deutschland ist beim Thema Industrie 4.0 ein Vorbild für viele andere Länder. Ob Europa, China oder die USA: man schaut darauf, wie wir in Deutschland den Digitalen Wandel der Industrie gestalten. Insbesondere beim Thema Standardisierung ist es Deutschland gelungen, eine Vorreiterrolle einzunehmen.

Bei allen guten Entwicklungen muss uns aber bewusst sein: Wir sind erst am Anfang! Auch wenn oft von einer Revolution die Rede ist (so steht es auch mit Titel des Panels), wird „die Industrie 4.0“ nicht von heute auf morgen passieren. Wir sind mitten in einem evolutionären Vorgang, der sich über die nächsten 10 bis 20 Jahre erstrecken wird.

  1. THEMA: INNOVATION

1. Botschaft: Innovationen brauchen einen langen Atem.

Wie eine „Industrie 4.0“ am Ende wirklich aussieht, lässt sich heute nicht voraussagen. Innovationen brauchen oft einen langen Atem - das wissen alle, die hier im Saal sitzen. Unser heutiger Erfolg in der Industrie 4.0 hat eine lange (Vor)Geschichte. Der Erfolg geht zurück auf viele kleine - oft schrittweise -, aber auch große Innovationen in den Unternehmen, auf die exzellente Ingenieurskunst aus Deutschland, und auf gezielte Maßnahmen durch die Politik.

Eine davon ist die Einrichtung der Plattform Industrie 4.0, die heute über 300 Stakeholder zusammenführt. Eine weitere ist die Einrichtung von Strukturen, wie dem Spitzencluster IT´s OWL (Intelligente Technische Systeme Ost-Westfalen Lippe), der Wissenschaft und Wirtschaft zusammenbringt und mittlerweile den Strukturwandel in einer ganzen Region vorantreibt.

Industrie 4.0 ist also ein Erfolg von vielen: Wirtschaft, Wissenschaft, Verbände und Sozialpartner die in den letzten Jahren daran gearbeitet haben.

Dieser Weg ist aber noch lange nicht beendet – wir müssen uns auch weiterhin gemeinsam der Aufgabe der Gestaltung stellen.

2. Botschaft: Für Industrie 4.0 brauchen wir einen starken Mittelstand.

Klein- und mittelständische Unternehmen sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Viele Hidden Champions sind mit ihren innovativen Ideen und ihrer Dynamik für unsere Volkswirtschaft ein großer Wettbewerbsvorteil. Bei der Einführung von Industrie 4.0 haben KMU derzeit allerdings noch nicht die Nase vorne.

Dafür gibt es viele Gründe:

Das Investitionsrisiko erscheint hoch, wenn es um die richtigen Technologien geht. Auch wird der Verlust der Unabhängigkeit durch eine zunehmende Vernetzung befürchtet. Oft liegt es aber auch ganz schlicht an den fehlenden Fachkräften oder vollen Auftragsbüchern.

Dies zeigen uns die ersten Zwischenergebnisse einer Studie, die aktuell von der Plattform Industrie 4.0 durchgeführt wird. Damit haben wir einen Rückkanal für den Mittelstand geöffnet, um aus erster Hand zu erfahren, ob unsere Maßnahmen wirken. Deutlich wird dabei, dass wir den Transfer in den Mittelstand weiter forcieren müssen und dass wir dafür weiterhin die Kräfte aller Beteiligten brauchen – Wirtschaft, Verbände, Sozialpartner und Politik.

3. Botschaft: Wir müssen das Tempo hochhalten, denn aus Industrie 4.0 wird Wirtschaft 4.0.

Mit dem Zukunftsprojekt Industrie 4.0 haben wir es geschafft, den Digitalen Wandel in der Industrie erfolgreich anzustoßen. Damit sind wir aber noch lange nicht am Ziel.

Denn Industrie 4.0 adressiert nur den kleineren Sektor unserer Volkswirtschaft. Der weit größere Teil – die Dienstleistungen – wird schon heute von der Digitalisierung weitaus mehr und schneller beeinflusst. Dabei entwickelt sich zunehmend eine hybride Wertschöpfung, die die Grenzen zwischen Produktion und Dienstleistung zunehmend verwischt. Zu einem neuen Produkt wird zukünftig auch ein Service gehören - oder das Produkt selbst wird zu einem Service. Dies erfordert auch neue Geschäftsmodelle. Mit der Arbeitsgruppe „Geschäftsmodellinnovationen“ greift die Plattform Industrie 4.0 genau diesen Bedarf auf. Gleichzeitig wenden wir uns mit neuen Fördermaßnahmen gezielt an die Dienstleistungsbranche und unterstützen zudem das Entstehen neuer Geschäftsmodelle auch auf diesem Wege.

B. THEMA: DATEN UND NEUE GESCHÄFTSMODELLE

1. Botschaft: Wir haben bei der Gestaltung einer Datenökonomie Nachholbedarf.

Lassen Sie mich an dieser Stelle ein Thema ansprechen, dass uns (dem BMBF) ein besonderes Anliegen ist:

Innovationen aus Deutschland nehmen auf den Weltmärkten heute Spitzenpositionen ein. Wir müssen aber erkennen, dass wir allein durch Effizienzsteigerungen morgen nicht wettbewerbsfähig sein werden. Für die deutschen Unternehmen führt zukünftig kein Weg an digitalen Innovationen und neuen Geschäftsmodellen vorbei und dazu brauchen wir Daten!

Daten sind im digitalen Zeitalter ein weiterer Produktionsfaktor und von zentraler Bedeutung für das einzelne Unternehmen, wie auch für die gesamte Wirtschaft. Heute können wir Informationen aus Daten gewinnen, die wir vor einigen Jahren noch nicht hatten. Dies ermöglicht ganz neue Geschäftsmodelle und bessere Produkte und Dienstleistungen für die Kunden.

Doch das Thema steht nicht nur in Deutschland auf der Agenda, sondern auch in vielen anderen Ländern. Gerade Unternehmen in den USA und China sind uns dabei ein gutes Stück voraus. Das ist deshalb so wichtig, weil Daten keine Grenzen kennen und Netzwerkeffekte in der Datenökonomie entscheidend sein können.

Deshalb müssen wir jetzt gemeinsam mit den Unternehmen den Aufbau von Datenökosystemen in Deutschland und Europa voranbringen.

2. Botschaft: Wir müssen eine Datenökonomie entwickeln, in dem die Bürgerinnen und Bürger und die Unternehmen den Austausch von Daten selbstbestimmt gestalten

In der Datenökonomie entsteht Wertschöpfung insbesondere dann, wenn Daten aus verschiedenen Quellen kombiniert werden. Mit Geschäftspartnern Daten gemeinsam nutzen und austauschen – für viele Unternehmen ist das ein heikles Thema. Sie fürchten, die Kontrolle über ihre eigenen Daten zu verlieren

Hier muss der Staat die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Wir wollen dabei das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und die Wertschöpfung aus Daten miteinander vereinen. Der Staat hat hier eine Schutzfunktion, sowohl gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, als auch gegenüber den Unternehmen. Deshalb müssen wir auch aufzeigen, wie die Umsetzung in der Praxis gelingen kann.

Schon seit einigen Jahren fördert das BMBF hierzu den International Data Space (früher Industrial Data Space). In diesem Datenraum können Unternehmen schon heute Daten austauschen und gleichzeitig bestimmen, wer die Daten zu welchem Zweck nutzen darf. Mittlerweile beteiligen sich daran über 80 Unternehmen (auch aus Ihren Reihen). Ein Anfang ist also gemacht. Lassen sie uns diesen Weg zu einer (europäischen) Datenwirtschaft gemeinsam fortsetzen.

3.Botschaft: Wir brauchen eine europäische Datenökonomie

Unsere Schutzfunktion als Staat und unsere Gestaltungskraft können wir nur in einer starken Gemeinschaft wahrnehmen. Heute werden Standards häufig durch die Marktmacht großer Unternehmen bestimmt. Es bedarf der europäischen Kooperation, um dieser Entwicklung etwas entgegen zu setzen. Deutschland muss daher in der Europäischen Union zum Treiber bei der Digitalisierung werden. Aus der alten Montanunion muss heute eine Digitalunion werden. Die vor kurzem verabschiedete Datenschutzgrundverordnung war ein erster großer Schritt, der auch Internetgiganten zum Umdenken zwingt. Dem müssen weitere folgen. Das Immaterialgüterrecht, neue digitalisierte Verfahren für den Waren- und Güterverkehr mit anderen Wirtschaftsräumen sowie eine Anpassung des internationalen Steuerrechts sind nur einige Beispiele.

4.Botschaft: KI wird der nächste Game Changer

Daten sind auch der entscheidende Faktor für die nächste Welle der Digitalisierung: Getrieben von Künstlicher Intelligenz agieren vernetzte Maschinen und Systeme zunehmend autonom, lernen selbstständig und treffen eigene Entscheidungen.

Wieder einmal „Künstliche Intelligenz“ könnte man jetzt sagen – aber hier gab es in den letzten Jahren große Fortschritte. KI wird die Spielregeln des Wettbewerbs neu definieren und kann zum nächsten Game Changer für die Branche werden. Einer Studie zufolge hat die Technologie das Potenzial, Unternehmensgewinne im produzierenden allein durch Effizienzgewinne bis 2035 um 39 % zu steigern. Die wahren Potentiale sind aber noch lange nicht absehbar.

Wir müssen uns dieser Herausforderung schon jetzt stellen – und werden dies mit der KI-Strategie der Bundesregierung auch tun. Der Transfer in die Wirtschaft ist ein Schwerpunkt dieser Strategie Dabei können wir auf einem soliden Fundament in Wirtschaft und Wissenschaft aufbauen.

Eine Kopie des Silicon Valley kann und darf dabei nicht das Ziel sein. Vielmehr müssen wir uns in Deutschland auf unsere Stärken besinnen.

C. THEMA: QUALIFIZIERUNG UND WANDLUNGSFÄHIGKEIT

1.Botschaft: Wir brauchen die klügsten Köpfe.

Um aus Daten einen Mehrwert zu generieren oder neue Geschäfts-modelle auf den Weg zu bringen, brauchen wir kluge Köpfe. Ohne Sie wird es keine Smart Factories geben.

Und um diese Köpfe ist ein internationaler Wettlauf in vollem Gange. Dabei wirken die Internetkonzerne teilweise direkt in die Universitäten und Forschungseinrichtungen hinein. In diesen Wettlauf muss auch die Industrie einsteigen.

Wir brauchen zukünftig sowohl Spezialisten, die datenbasierte Innovationen entwickeln, als auch Menschen, die mit KI basierten Systemen im (Arbeits-)Alltag umgehen können. Hier sind berufliche und akademische Bildung gleichermaßen wichtig. Allein auf Akademisierung zu setzen, wäre daher zu kurz gedacht. Dies ist auch der Ministerin ein besonderes Anliegen.

Mit dem System der dualen Ausbildung haben wir eine hervorragende strukturelle Basis, auf der wir unsere vorhandenen Fachkräfte weiterbilden und neue Fachkräfte ausbilden. Deshalb wollen wir - und dazu möchte ich Sie auch auffordern - die Attraktivität unseres erfolgreichen beruflichen Aus- und Weiterbildungssystems weiter stärken. Dazu setzen wir uns für die Modernisierung der Ausbildungs- und Fortbildungsordnungen ein und schaffen attraktive Entwicklungs-möglichkeiten für junge Menschen.

2. Botschaft: Wir müssen die Herausforderung der Digitalisierung erkennen und annehmen.

Erfolg als Produzent hat zukünftig nur derjenige, der auf neue Anforderungen bei Produktions- und Arbeitsabläufen schnell und zuverlässig reagieren kann. Unternehmen und ihre Belegschaften sind also gefordert, ihre Wandlungsfähigkeit immer wieder neu unter Beweis stellen. Dies ist eine Herausforderung für das gesamte Unternehmen. Dabei wissen die Beschäftigten oft viel konkreter, welche Veränderungen sinnvoll sind.

Der Einsatz neuer Technologien zur Digitalisierung erfordert deshalb neben der wirtschaftlichen Betrachtung auch eine gesellschaftliche Flankierung. Wir müssen die Menschen und die Unternehmen, in denen sie arbeiten, mitnehmen bei der Gestaltung des deutschen Industriearbeitsplatzes der Zukunft.

In der Industrie 4.0 verzahnt sich die Produktion und Dienstleistung mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik. Die digitale Befähigung des Einzelnen und des gesamten Unternehmens als Organisation ist hierbei von zentraler Bedeutung.

Entscheidend ist, dass sich jedes Unternehmen in Deutschland mit den potentiellen Auswirkungen der Digitalisierung auseinandersetzt und sich fragt, ob das Produkt oder der Service von heute auch noch in fünf Jahren Bestand hat. 

D. ABSCHLUSS

Ÿ 1. Botschaft: Wir müssen den Wandel aktiv auf allen Ebenen gestalten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in der letzten Legislaturperiode wurde vieles zum Thema Industrie 4.0 erreicht. Mit der Plattform Industrie 4.0 haben wir es (gemeinsam mit dem BMWi) geschafft, den digitalen Wandel der Industrie, aber auch der Arbeitswelt zu gestalten. Dies kann jedoch nur ein Anfang sein. Und der Erfolg von heute darf nicht dazu führen, den Horizont aus den Augen zu verlieren.

2. Botschaft: Wir müssen die europäische Zusammenarbeit stärken.

Nur in Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern sichern wir für innovative Ideen aus der EU einen fairen Zugang zu den globalen Märkten und können Standards im Sinne unserer Werte beeinflussen.

Apell:

Eines möchte zum Ende meiner Ausführungen betonen:

Nicht Computer oder eine Software entscheiden über unseren Erfolg, sondern Menschen. Aus meiner Sicht sind es die Vor- und Querdenker in den Unternehmen, die Forscherinnen und Forscher, der Facharbeiter im Betrieb und schließlich die gesamte Gesellschaft, die diesen Wandel gemeinsam gestalten.

Die Mitarbeiter in den Unternehmen, ob Fach- oder Führungskraft,  wollen sich bei den digitalen Innovationen aktiv einbringen, um ihren Arbeitsalltag mitzugestalten.

Ich möchte Sie daher auffordern, die digitale Transformation aktiv zu gestalten - wie bisher und darüber hinaus. Wir haben die Chance ein wichtiges Thema gemeinsam zu gestalten - ich freue mich auf die Diskussionen mit Ihnen.