"Wissen verpflichtet auch zu seiner Vermittlung"

In einem Gastbeitrag für "Die Zeit" kündigt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek weitere Anstrengungen an, die Ergebnisse aus der Wissenschaft besser zu erklären. "Der Austausch ist auch im Interesse der Wissenschaft", schreibt die Ministerin.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung. © BMBF/Laurence Chaperon

Dieser Gastbeitrag von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek erschien am 14. November 2019 in der "Zeit".

Von Anja Karliczek

Unsere demokratische Gesellschaft lebt vom Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind mit ihrem großen Schatz an Wissen, ihrem Antrieb, mit Innovationen die Welt zu verbessern, in ganz besonderer Weise befähigt und gefordert, die Menschen an ihren Erkenntnissen teilhaben zu lassen. Der Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft hat damit von jeher besondere Bedeutung für eine Gesellschaft, heute aber aus meiner Sicht eine noch größere als in der Vergangenheit. Deshalb will ich der Wissenschaftskommunikation jetzt einen neuen Schub geben.  

Wissenschaft sollte sich auch immer am Gemeinwohl orientieren. Wissen verpflichtet. Durchaus in diesem Sinne haben schon 1999 die Präsidenten der Wissenschaftsorganisationen im PUSH-Memorandum (Public Understanding of Science and Humanities) festgehalten, den Wissenschaftsdialog zu einer ihrer zentralen Aufgaben zu machen.

Das war die Ankündigung, den oft zitierten Elfenbeinturm zu verlassen. In Hochschulen und Forschungsinstituten ist seitdem eine Menge geschehen. Gerade junge Forscherinnen und Forscher sind zunehmend bereit, ihre Erkenntnisse mit der Gesellschaft zu teilen. Damit dies ein selbstverständlicher Teil wissenschaftlichen Arbeitens wird, muss sich der bereits begonnene Kulturwandel hin zu einer kommunizierenden Wissenschaft aber weiter fortsetzen.

Es mangelt nicht an Aufmerksamkeit. Die Menschen interessieren sich für Forschung, weil sie fasziniert und ihr tägliches Leben verbessern kann. Zudem befinden wir uns mitten in einer Zeit des Wandels, in der überall nach Orientierung gesucht wird. Es herrscht viel Unsicherheit und diese wird von bestimmten politischen Gruppierungen noch verstärkt, indem Fakten ignoriert oder schamlos umgedeutet werden. Umso wichtiger sind da die Stimmen der Wissenschaft, die Behauptungen geraderücken, über den wahren Erkenntnisstand berichten und diesen einordnen. In die Klimadebatte haben sich viele Wissenschaftler eindrucksvoll eingemischt und wegweisende Impulse geliefert.

Wir wollen dazu beitragen, dass der Austausch zwischen Forschung und Gesellschaft in allen Wissenschaftsbereichen alltäglich wird. Dazu gehört auch, dass sich Wissenschaft selbst positioniert, in den Diskurs geht und sich ihrer wichtigen gesellschaftlichen Rolle bewusst wird. Dabei wissen wir: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehen schon heute unter großem Qualitäts-und Zeitdruck.  

Aber der Austausch ist auch im Interesse der Wissenschaft. Wissenschaft braucht das Vertrauen der Gesellschaft. Das Vertrauen der Menschen ist in einer offenen Gesellschaft die Voraussetzung für Akzeptanz und Anerkennung. Wissenschaftskommunikation lohnt sich zudem fachlich. Die Bürgerforschung ergänzt in manchen Bereichen bereits die „klassische“ Forschung.  

Es ist also aus vielen Gründen an der Zeit, ganz konkrete Anreize für mehr Kommunikation im Forschungsalltag zu geben, um den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit noch einmal zu intensivieren. Dies ist auch das Ziel eines Grundsatzpapiers meines Hauses, das wir nach einem intensiven Dialog mit allen Beteiligten erarbeitet haben. Die Wissenschaftskommunikation wird danach künftig einen größeren Stellenwert bei der Vergabe von Forschungsmitteln haben.

Wir möchten, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihren Projekten die Kommunikation von Anfang an mitdenken und Ressourcen dafür einplanen. Es gibt eine Vielzahl von Formaten, die Forschende nutzen können. Mit dem Science Media Center und dem Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation gibt es hervorragende Institutionen zur Unterstützung.

Wir wollen außerdem die Weiterentwicklung der Wissenschaftskommunikation begleiten. Wissenschaft im Dialog richtet mit unserer Förderung eine Plattform zur Evaluation ein. Zudem werden wir eine Denkwerkstatt #FactoryWisskomm ins Leben rufen. Ihre Aufgabe: Selbstverpflichtungen der Wissenschaft zu erarbeiten, Wissenschaftskommunikation endlich zur Chefsache in den Wissenschaftseinrichtungen zu machen und auch Empfehlungen an die Politik zu formulieren.

Gemeinsam mit allen Beteiligten wollen wir also einen Push für eine intensiveren Austausch geben. Denn Wissenschaft hat für jeden einzelnen Menschen elementare Bedeutung, aber auch für die gesamte Gesellschaft.