Wissenschaft im Spannungsfeld zwischen Freiheit, Exzellenz und Verantwortung

Impulsvortrags von Herrn Staatssekretär Schütte auf dem Leopoldina-Symposium: „Nachhaltige Zeitenwende? Die Agenda 2030 als Herausforderung für Wissenschaft und Politik“ in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Ich danke Ihnen für die Einladung zu diesem Symposium. Ich danke besonders herzlich dafür, weil ich bereits im November 2012 auf Workshop „Nachhaltigkeit in der Wissenschaft“ sprechen durfte, und noch mehr, weil bereits heute Vormittag die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Johanna Wanka die Position des BMBF in einem Vortrag beschreiben konnte. Es gibt für uns also wirklich keinen Grund zu klagen, Sie würden unsere Haltung nicht ausführlich zur Kenntnis nehmen.

Ich hoffe, dass ich diese massierte Präsenz in der Diskussion dadurch rechtfertigen kann, dass ich in meinem Impulsvortrag ein wenig zum lebhaften Gelingen der folgenden Diskussion beitragen kann.

Die Bundesministerin ist vor allem auf die Rolle der Wissenschaft bei der Umsetzung der Agenda 2030 eingegangen: Wir brauchen Forschung, um die äußerst schwierigen Aufgaben zu bewältigen, die die Weltgemeinschaft sich gestellt hat – Aufgaben, die wir uns selbst stellen mussten, um unsere Zukunft zu sichern.

Die Weltgemeinschaft braucht die Forschung – und auch die Forscherinnen und Forscher als Teil der Weltgemeinschaft brauchen den Erfolg bei dieser Aufgabe. Aber selbstverständlich kann die Forschung diese Aufgaben nicht selbst lösen. Aus unserer Sicht ist die erste Aufgabe zunächst einmal, dass sie uns hilft, die Probleme zu identifizieren, zu beschreiben, zu differenzieren, ihre vielfältigen Ursachen, Auswirkungen und Verstrickungen in die diversen Bereiche unseres Lebens zu beleuchten. Damit erst werden die globalen Herausforderungen in ihrer – fast möchte ich sagen: monströsen Komplexität – wie etwa der Klimawandel, der Schwund der Artenvielfalt oder die Versauerung der Ozeane handhabbar. Nicht zuletzt müssen wir die Konflikte genauer identifizieren, die mit den SDG einhergehen: die 17 Zielbereiche mit ihren 169 Zielen sind auf so vielfältige Weise miteinander verschränkt, dass die internen Widersprüche noch längst nicht überblickt werden – und sich schon deswegen einer systematischen Bearbeitung entziehen. In dieser Hinsicht kann die Forschung, kann oft nur die Forschung uns Hinweise geben für mögliche Ansätze, kann Optionen aufzeigen.

All das geschieht schon an vielen Stellen – das Beispiel der globalen Klimavereinbarung auf der Grundlage langjähriger Forschung ist ein positives Beispiel. Leider ein Beispiel neben wenigen anderen. Wir müssen weitere Anwendungen finden.

Eine der Ansätze, um zukünftig mehr und schneller Beiträge der Forschung zu nachhaltiger Politik zu generieren, muss es sein, dass die Wissenschaft selbst die Prinzipien der Nachhaltigkeit auf sich anwendet, sich die Zielsetzungen und Grundsätze in allen Bereichen aneignet. Es ist notwendig, weil sich die gesamte Gesellschaft und damit auch die Wissenschaft mit Nachhaltigkeit auseinander zu setzen hat, aber auch weil es nur dann glaubwürdig sein kann, dass Forschung die Nachhaltigkeit anderer Lebensbereiche zum Gegenstand ihrer Arbeit macht. Aber wie soll das aussehen: Nachhaltige Wissenschaft? Die Forderung ist leicht aufgestellt, aber ihre Umsetzung erfordert eine gründliche Debatte.

Die Leopoldina hat diese Fragen bereits vor vier Jahren gestellt. Sie haben die Fragen damals in drei Bereiche untergliedert: „Erforschung von Nachhaltigkeit“, „Nachhaltig forschen“ und „Nachhaltige Forschung“ waren Ihre Formulierungen für unterscheidbare Fragerichtungen. Seither arbeitet die Leopoldina mit in internationalen Initiativen zum Thema „Nachhaltigkeit in der Wissenschaft“, und Sie,

sehr geehrter Prof. Hacker,

als Präsident der Leopoldina haben in Ihrer Funktion als Mitglied des Scientific Advisory Boards des UN Generalsekretärs so ausführlich wie kaum jemand sonst in der Wissenschaft den möglichen und notwendigen Beitrag der Wissenschaft zur Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele (SDG) beschrieben und entwickelt.

Für die besonderen Verdienste dieser Debatte möchte ich Ihnen persönlich und der Leopoldina und ihren Mitgliedern sehr herzlich danken.

Doch aller bisherigen Beiträge und Fortschritte des Diskurses zum Trotz ist der Klärungs- und Neuordnungsprozess noch nicht an einem Punkt, in dem der Konsens konstatiert werden könnte. Einige Titel der folgenden Beiträge sind dafür ein klarer Beleg [insb. „Gut oder gut gemeint? Nachhaltigkeit als Handlungsprinzip in der Wissenschaft“]. Ich denke, es ist zunächst einmal richtig und wichtig, dass wir die Implikationen sorgfältig abwägen und dabei auch die Konflikte offen benennen.

Was wir als „Insider“ des Wissenschaftssystems manchmal aus den Augen verlieren: Diese Konflikte finden in allen gesellschaftlichen Bereichen statt, für die die globalen Herausforderungen virulent werden: in den verschiedenen Wirtschaftsbereichen, in allen politischen Ressorts, in der Kultur – im Kleinen wie im Großen. Manch einer gibt bereits genervt zu erkennen, er könne das ewige „Nachhaltigkeit“ schon nicht mehr hören. Ich kann da wenig Hoffnung machen: wenn das Umsteuern funktionieren soll, wenn wir die Ziele der Agenda 2030 erreichen wollen, wenn wir – bitte sehen Sie mir ein wenig Pathos ab – wenn wir die Welt buchstäblich retten wollen, dann sind wir noch längst nicht fertig mit der Diskussion um Nachhaltigkeit.

Die Wissenschaft als verfassungsrechtlich mit „Freiheit“ ausgestattetem Bereich hat in der Geschichte die Freiräume eröffnet, aus denen heraus Vorreiter die wichtigen nachhaltigen Impulse setzen konnten. Es waren Forscher – nicht die Politik oder die Wirtschaft -  die uns die schwierige Nachricht der globalen Probleme erklärt und in den folgenden Jahren mit sehr wenig Unterstützung weiter entwickelt haben. Wenn man damals der Tagespolitik die Steuerung überlassen hätte, wäre der Nachhaltigkeitsdiskurs kaum so weit entwickelt. An dieser Stelle verstehe ich das Argument, dass gerade die Freiheit der Wissenschaft für die Nachhaltigkeit wirksam werden kann. Dies gilt allerdings aus meiner Sicht vor allem in der historischen Betrachtung. Für die Gegenwart muss ich konstatieren: Allein mit dem Bestehen auf „Freiheit“ kommen wir in Hinblick auf die Nachhaltigkeitsziele nicht schnell genug voran.

Auf der anderen Seite kann ich gar nicht klar genug betonen: Das bewusste, systematische Verfolgen von Nachhaltigkeitszielen in der Wissenschaft muss nicht und darf nicht mit dem zentralen Wert der Wissenschaftsfreiheit kollidieren. Dafür steht das BMBF klar ein. Auch die starke Position der Grundlagenforschung in Deutschland wollen wir bewahren. Aber: Mit dieser Freiheit und den großen Freiräumen geht eine Verantwortung einher für das Gemeinwohl und damit auch für Nachhaltigkeit.

Um das ein wenig genauer zu beleuchten, schauen wir uns an: wie „frei“ ist die Wissenschaft wirklich – etwa von materiellen Erwägungen, wenn das Budget festgelegt ist, um ein Labor zu bauen und zu betreiben, und die umweltschonende Variante verursacht Mehrkosten, die ich beim Personal einsparen müsste? Das holzschnittartige Beispiel soll nur klären: Selbst im ganz einfachen, alltäglichen, weit unterhalb der grundsatzorientierten Debatte über die Spannung zwischen „Wissenschaftsfreiheit“ und „gesellschaftlicher Relevanz“, ist es nicht zu leugnen: Die Verantwortung für unseren Planeten und damit die Realisierung der Ziele der Nachhaltigkeit kann in einem Spannungsverhältnis zur Freiheit und Exzellenz der Wissenschaft stehen.

Sie kann. Muss sie es auch? Und wenn ja: wie lässt sich im Alltag dieses Spannungsverhältnis bearbeiten, abbauen, damit umgehen? Zu dieser Frage gibt es seit Kurzem einen Leitfaden (Nachhaltigkeitsmanagement in außeruniversitären Forschungseinrichtungen)  der drei großen deutschen Forschungsorganisationen HGF, WGL und FhG. Sie haben das Spannungsverhältnis vermessen – mit Unterstützung des BMBF, aber inhaltlich vollkommen autonom, wie ich aus naheliegenden Gründen betonen möchte. In drei Jahren Arbeit von 25 Instituten ist der Leitfaden „Nachhaltigkeitsmanagement in außeruniversitären Forschungseinrichtungen“ entstanden. Er entwickelt Punkt für Punkt, wie wissenschaftliche Arbeit in Forschung wie Betrieb nachhaltig gestaltet werden kann, und wie transparent darüber Bericht erstattet wird.

Vielleicht war der ein oder andere von Ihnen auf dem Symposium „Nachhaltigkeit in der Wissenschaft“ des BMBF vor 12 Tagen. Dort wurde die Handreichung als Ganzes präsentiert und dann im Einzelnen diskutiert, wie „Forschen in gesellschaftlicher Verantwortung“ gehen kann, wie in den Bereichen „Personal“ oder  „Bau und Betrieb“ nachhaltige Prinzipien in den Alltag von außeruniversitären Forschungseinrichtungen integriert werden können, die alle den Anspruch erfüllen wollen, exzellente Forschung zu leisten.

Meine Bewertung lautet: In der Arbeit an den konkreten Einzelthemen haben die 25 Institute gezeigt, dass Wissenschaftliche Exzellenz und gesellschaftliche Verantwortung kein Widerspruch sind, dass freie, dass plurale Wissenschaft durchaus vereinbar ist mit dem Streben nach „gesellschaftlicher Relevanz“ in Begriffen von Nachhaltigkeit.

Dass, sehr geehrter Prof. Stratmann, Nachhaltige Wissenschaft nicht nur „Gut gemeint“, sondern selbstverständlich auch „gut gemacht“ sein kann und muss.

Der von den drei Forschungsorganisationen erarbeitete Leitfaden ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert und ein ermutigendes Zeichen, den wir deswegen auch mit dem Anschlussprojekt „HOCH-N“ auf Hochschulen übertragen lassen wollen. Es ist bislang nur ein Zeichen und noch kein „Ende der Debatte“, weil das Ergebnis sich noch in der Umsetzung wird beweisen müssen. Zweifellos wird das nicht nur den Beschäftigten in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen noch viel abverlangen, sondern auch den mit ihnen verbundenen Stakeholdern – nicht zuletzt dem Zuwendungsgeber BMBF, der sich, zugegeben, oft auch schwer tut mit der Einführung einer nachhaltigeren Praxis.

Aber uns wie Ihnen kann und will das BMBF diese Zumutungen nicht ersparen. Wir wollen aber gern dazu beitragen, dass die Debatte – wenn auch nicht beendet, so doch – einen Schritt weiter geht: Lassen Sie uns möglichst wenig über das OB einer „nachhaltigen Wissenschaft“ debattieren, und dafür umso engagierter um das WIE.

Ich freue mich auf die Diskussion.