Wissenschaft und Schulpraxis für bessere Bildungschancen vernetzen

Die Bund-Länder-Initiative „Schule macht stark“ bringt Forschung und Schulpraxis enger zusammen. Ein Gespräch mit dem Bildungsforscher Kai Maaz über Bildungschancen von sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern – auch in Zeiten der Pandemie.

Bildungsforscher Kai Maaz
Bildungsforscher Kai Maaz © Britta Huening | www.fotorismus.de

Der Bund und die Länder investieren 125 Millionen Euro in die neue gemeinsame Initiative „Schule macht stark“. Was sind die langfristigen Ziele?

Wir wollen Wissenschaft und Schulpraxis auf Augenhöhe zusammenbringen, um die Bildungsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler an Schulen in schwierigen Lagen zu verbessern. Das Hauptanliegen ist, dass Forschende und Pädagoginnen und Pädagogen gemeinsam Ansätze und Maßnahmen für eine qualitätsvolle und gerechtere Bildung entwickeln. So sollen Herausforderungen vor Ort besser gelöst werden. Im Verbund gelingt dies am besten. Im Fokus steht dabei eine Schul- und Unterrichtsentwicklung, die Wissenschaft und Praxis miteinander verzahnt.

Wie genau sehen die einzelnen Bereiche der Initiative aus?

Ein Kernbereich ist die Unterrichtsweiterentwicklung. Hier stehen Mathematik und Deutsch als zentrale Kompetenzbereiche im Fokus. Die zweite Ebene ist, dass wir das pädagogische Personal in den Schulen in den Blick nehmen. Wir wollen hier gezielter qualifizieren, gerade für die besonderen Herausforderungen an Schulen in einem sozial schwachen Umfeld. Der dritte Schwerpunkt betrifft die Weiterentwicklung der Schule als Organisation, die Schulkultur und das Führungshandeln an den Schulen. Außerdem unterstützt die Initiative die Schulen auch bei der Weiterentwicklung ihrer außerunterrichtlichen Angebote, etwa im Bereich des Ganztags. All diese Bereiche sollen gemeinschaftlich weiterentwickelt und neue Konzepte erprobt werden. Zentral ist für uns dabei immer, was am Ende wirklich bei den Schülerinnen und Schülern ankommt.

In der Initiative arbeiten Bund und Länder zusammen. Braucht es in Zukunft mehr dieser Zusammenschlüsse?

Initiativen zwischen Bund und Ländern halte ich für eine Erfolg versprechende Kombination. Es gibt dadurch mehr Ressourcen, eine stärkere Vernetzung und die Perspektive ist eine längerfristige. So gibt es statt der oft üblichen drei Jahre Projektzeit nun fünf Jahre für die erste Entwicklungsphase. Zusätzlich gibt es eine zweite Phase zum Transfer der Ergebnisse in weitere Schulen, die ebenfalls auf fünf Jahre angelegt ist. Ausreichend Zeit ist bei schulischen Entwicklungsprozessen ein zentraler Faktor, wenn man nachhaltige Ergebnisse erzielen möchte.

Was sind die Vorteile des Bildungsföderalismus, was sind die Nachteile?

Ein Vorteil ist, dass gutlaufende Entwicklungen aus einzelnen Ländern auf andere übertragen werden können. Das Rad muss so nicht 16 Mal neu erfunden werden. Die Länder können so viel voneinander lernen. In dieser Vielfalt liegt eine Chance. Sie setzt aber auch voraus, dass man auch zulässt oder anerkennt, dass Modelle anderer Länder besser funktionieren als diejenigen im eigenen Land, um dann entsprechend nachzusteuern.

Schwierig ist hingegen, dass es in der aktuellen Corona-Pandemie an Transparenz und Struktur fehlt – zumindest in der Wahrnehmung der Bevölkerung. Eltern können nicht nachvollziehen, warum die Grundschüler unter gleichen Rahmenbedingungen in einem Land zur Schule gehen dürfen und im Nachbarland nicht. Wenn man den Föderalismus weiterentwickeln will, dann braucht es diese Transparenz, aber auch Verlässlichkeit.

Wie gravierend werden die unterschiedlichen Leistungsstände bei den Schülerinnen und Schülern nach der Corona-Pandemie sein?

Wir wissen aus ersten Studien, dass sich die Lernzeit der Schülerinnen und Schüler in der Pandemie insgesamt verringert hat, wobei sie sich bei leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern stärker reduziert hat als bei leistungsstarken. Die Frage nach unterschiedlichen Leistungsständen können wir jetzt noch nicht verlässlich beantworten, weil wir die Daten nicht haben. Wenn wir auf veröffentlichte Studien aus anderen Ländern wie Belgien, der Niederlande oder der Schweiz blicken, dann sehen wir Hinweise, dass sich im ersten Lockdown die Lernraten verlangsamt haben und dass die Lernergebnisse nicht dieselben sind wie zuvor. Außerdem sind leistungsschwächere und sozial benachteiligte Kinder stärker betroffen als die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler. Daher lässt sich vermuten, dass wir es nach der Pandemie insgesamt mit größeren Ungleichheiten zu tun haben werden.

Was braucht es, damit die Schulen die Unterschiede durch die Schulschließungen ausgleichen können?

Wir müssen jetzt überlegen, wie guter Wechselunterricht aussehen kann - gerade auch für die leistungsschwächeren Kinder und Jugendlichen aus sozial schwierigen Verhältnissen. Es gibt dafür eine einfache Orientierung: Die Präsenzphasen können dafür genutzt werden, in neue Lerninhalte einzuführen. Das Lernen zuhause dient der Übung und Vertiefung. Gleichzeitig ist im Präsenzunterricht eine Vor- und Nachbereitung des häuslichen Lernens wichtig; ebenso das Aufrechterhalten der Lernmotivation und die Vermittlung von Strategien für selbstständiges und eigenverantwortliches Lernen. Man sollte auch darüber nachdenken, ob bei Schulöffnungen leistungsschwache Kinder bevorzugt berücksichtigt werden, weil wir hier aus der Vergangenheit wissen, wie wichtig das schulische Umfeld für ihren Bildungserfolg ist. Kurzfristig müssen hier Konzepte entwickelt werden, die in konkrete Maßnahmen münden. Mittelfristig wird es darum gehen, Förderung und Diagnose mehr als Einheit zu denken. Wir müssen an die Weiterbildung der Lehrkräfte denken, nicht nur im Bereich der Digitalisierung, sondern auch in der Heterogenität von Klassen, die größer werden wird. Wir müssen schauen, wie wir zusätzliche Lernzeiten für Kinder mit Rückständen anbieten können. Oder wie wir das Ganztags-Prinzip noch strategischer für das Lernen nutzen.

Und was genau macht die Forschung für die Eltern und Schülerinnen und Schüler, aber auch für Lehrerinnen und Lehrern?

Ein gutes Beispiel ist hier die Initiative „Schule macht stark“, weil hier nicht an der Universität etwas entwickelt wird, was dann in die Schulen kommt, sondern Wissenschaft und Praxis entwickeln auf Basis der gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskussion gemeinsam eine Strategie nach wissenschaftlichen Kriterien und aufbauend auf dem Erfahrungsschatz der Schulen. Diesen Ansatz müssen wir ausbauen. Und wir brauchen Transfer-Formate, an denen sich alle Akteure beteiligen können. Nur so wird die Praxis erfahren, was gegenwärtig in der Wissenschaft diskutiert wird, und die Wissenschaft, was Praxis bewegt. Wenn wir Grundlagenwissenschaft und Praxis systematisch verbinden, dann haben beide Seiten einen Zugewinn, der letztlich auch bei den Schülerinnen und Schülern ankommt.

Gibt es auch positive Aspekte, die aus der Corona-Pandemie entstehen?

Es gibt Studien, die zeigen, dass das häusliche Lernen es für Eltern und Kinder einfacher macht, Freiräume zu schaffen, Verantwortung selbst zu übernehmen oder den Tag selbstbestimmter zu gestalten.

Gleichzeitig ist ein Nachdenken nötig, wie es weitergehen soll. Meine Hoffnung ist, dass wir das System auf den Prüfstand stellen: Was hat sich bewährt, was nicht? Ein bloßes „weiter so“ kann und wird es meiner Meinung nach nicht geben. Am Thema Bildungsungleichheit kann man dies gut festmachen. Dieses Problem ist seit vielen Jahren im System, nicht erst seit der Pandemie. Wir müssen darüber nachdenken, wie eine Gesamtstrategie aussieht, die nicht nur die Bildungspolitik adressiert, sondern auch andere Politikbereiche in die Pflicht nimmt, um Bildungsungleichheit systematisch abzubauen.