Wissenschaft und Wirtschaft vernetzt: Gemeinsam Neues schaffen

Rede von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, anlässlich der 68. Jahresversammlung des ifo-Instituts in der LMU in München

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Professor Fuest,
sehr geehrter Herr Professor Huber,
sehr geehrte Damen und Herren,

Sie treffen sich seit langer Zeit zu der Jahresversammlung des Ifo-Instituts in der großen Aula der LMU und nicht an dem auch sehr schönen Standort des Ifo-Instituts in der Poschinger Straße (in direkter Nachbarschaft zur ehemaligen Thomas-Mann-Villa). Gründe dafür sind sicherlich die Platzsituation und die zentrale Lage der LMU.

Für mich symbolisiert dieser Treffpunkt aber auch noch etwas anderes: Er zeigt, wie wichtig der Austausch und die Vernetzung in der Wissenschaft sind. Das ifo-Institut ist eng mit der LMU verbunden. Die Leitungen der Abteilungen des ifo-Instituts (ifo Zentren) haben gleichzeitig eine Professur an der volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU inne. Dies verdeutlicht die enge Zusammenarbeit der außeruniversitären (hier eines Leibniz-Instituts) mit der universitären Forschung.

Ebenso wichtig sind der landesweite und natürlich der internationale wissenschaftliche Austausch. Das ifo-Institut und die LMU treiben mit dem CESifo die internationale Vernetzung voran. Aktuell hat das ifo-Institut das europäische Forschungsnetzwerk EconPol Europe mitgegründet. Das sind Aktivitäten, die für eine lebendige und erfolgreiche Forschungslandschaft immens wichtig sind!

In Ihren Jahresversammlungen führen Sie die Wissenschaft mit der Wirtschaft und der Gesellschaft zusammen. Wäre der  Titel meines Vortrags:  „Wissenschaft,  Wirtschaft und Gesellschaft vernetzen: Gemeinsam Neues denken“, dann würde  ich bei Ihnen „Eulen nach Athen“ tragen.  Ich möchte mich aber heute darauf konzentrieren, wie wir die Rahmenbedingungen verbessern können, damit Wirtschaft und Wissenschaft in Zukunft gemeinsam Neues schaffen können. Sie nutzen dieses Forum, um volkswirtschaftliche Analysen zu veranschaulichen und Orientierung in einer sich rasch wandelnden Welt zu bieten. Wir brauchen diesen Rat zu vielen Fragen, vor denen wir stehen.

Deutschland ist gestärkt aus den globalen Krisen und Herausforderungen der letzten Jahre hervorgegangen.  Im Mai (dieses Jahres) wurde der höchste Wert des Ifo-Geschäftsklimaindexes seit 1991 gemessen. Das heißt, die Unternehmen schätzen ihre derzeitige Lage gut ein und blicken positiv in die Zukunft. Das ifo-Institut hat seine Konjunkturprognose gerade deutlich erhöht und rechnet mit einer Wachstumsrate des BIP von 2% im Jahr 2018.  Die Beschäftigung ist auf Rekordniveau, die Lebensqualität hoch. Wir erfreuen uns einer stabilen Demokratie und verfügen über einen ausgeglichenen Staatshaushalt.  

Dies alles ist möglich, weil Deutschland einer der Innovationsführer in Europa ist. Eine aktuelle Studie der Europäischen Kommission zeigt, dass etwa zwei Drittel des europäischen Wirtschaftswachstums auf Investitionen in F&E zurückgehen. Unsere hohe Innovationskraft ist die zentrale Grundlage für Wohlstand, Lebensqualität und Chancen in Deutschland.

Wir haben in den vergangenen Jahren viel dafür getan, dass dies so bleibt:

  • Wir investieren heute doppelt so viel in Forschung und Entwicklung wie noch vor 10 Jahren. Der Bund allein hat seine F&E-Ausgaben zwischen 2006 und 2015 um knapp zwei Drittel gesteigert. Die Ausgaben des Bundes lagen im Jahr 2015 auf einem Rekordniveau von 15 Milliarden Euro.
  • Und wir haben unsere F&E-Politik seit 2006   in einer politikfeldübergreifenden Forschungs- und Innovationsstrategie gebündelt. Unter dem Dach der Hightech-Strategie haben wir strategische Schwerpunkte definiert und dazu eine Vielzahl forschungs- und innovationspolitischer Initiativen gestartet.
  • Auf dieser Grundlage haben der Staat und die Wirtschaft 2015 gemeinsam das Ziel erreicht, 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung zu investieren. Im Jahr 2015 waren in den Universitäten, den Unternehmen und den Forschungseinrichtungen mehr als 600.000 Personen in F&E tätig. Das war ein Zuwachs gegenüber 2006, dem Startjahr der HTS, von 34 Prozent oder gut 160.000 Forschern.
  • Diese Anstrengungen drücken sich auch in Ergebnissen aus: Beim Wissenschaftsoutput liegt Deutschland international in der Spitzengruppe. Bei der Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen, die weltweit zu den 10 Prozent am häufigsten zitierten gehören (Exzellenzrate), liegt Deutschland mittlerweile auf Platz 5.
  • Wir haben einen dauerhaft hohen Weltmarktanteil für Technologieprodukte. Es ist unserem Land in der Vergangenheit immer wieder gelungen, modernste Technologien mit traditionellen Schwerpunkten der deutschen Wirtschaft in der Chemie, Elektrotechnik oder im Automobilbau zu verbinden.

Gleichwohl steht einmal mehr die Frage im Raum, ob das deutsche Erfolgsmodell in die Zukunft trägt: Wachsen die Herausforderungen, denen wir uns in der Zukunft gegenüber sehen zu schnell, um mitzuhalten?

Neben der Digitalisierung liefern die modernen Lebenswissenschaften in einem rasanten Tempo bahnbrechende Erkenntnisse. Das Zusammenspiel von Bio- und Nanotechnologie und Digitalisierung schafft neue Werkzeuge und Methoden, um diese Erkenntnisse zu nutzen. Damit eröffnen sich weitreichende Perspektiven für alle Bereiche unseres Wirtschaftens. Biologische Systeme, Prinzipien und Verfahren kommen in immer mehr Branchen zum Einsatz, von der Pharma- und der Chemieindustrie bis hin zum Automobilbau. Wir stehen in einem internationalen Wettbewerb um bahnbrechende Ideen, kreative Talente und attraktive Standortbedingungen für junge Start-ups und ambitionierte Unternehmen.

Gleichzeitig - und dies ist ein Paradox, das mich umtreibt  -  ist zu beobachten, dass seit einigen Jahren in den Industrieländern die Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität sinkt. Auch in Deutschland!  Dafür gibt es unterschiedliche wissenschaftliche Erklärungsansätze. Einige Ökonomen vermuten, dass die fortschreitende Digitalisierung mit den herkömmlichen volkswirtschaftlichen Indikatoren nicht mehr erfasst werden kann. Somit würde ein Teil des Gewinns an Produktivität „in den Zahlen verloren gehen“.

Nehmen wir das uns allen vertraute Beispiel „Streaming-Dienste für Musik“. Früher musste man sich jede Platte oder CD einzeln kaufen. Nun kann man für eine relativ geringe Pauschale auf eine riesige Musikbibliothek zugreifen. Wie schlägt sich eine solche Innovation in der Produktivitätsmessung nieder? Führt sie dazu, dass weniger „Wert“ geschöpft wird und damit auch weniger produktiv gearbeitet wird? Oder kann der Wert nicht richtig gemessen werden? Teilt sich die Welt zunehmend in Innovationsführer und -verlierer auf? Und vor allem: Welchen Platz wird Deutschland in einer neuen „Plattformökonomie“ einnehmen?

Besonders bei der Digitalisierung steht Deutschland vor großen Herausforderungen. Ich will zur Illustration nur eine Zahl nennen: In China existieren 25 sogenannte „unicorns“, also Internet-Start-ups, die bereits heute mehr als eine Milliarde Dollar wert sind. Sie wachsen dynamisch. In Deutschland gibt es kein einziges. 

Auf diese Herausforderungen müssen wir mit einer neuen Forschungs- und Innovationsstrategie reagieren. Diese setzt sich weit ehrgeizigere Ziele als in der Vergangenheit. Die Forschungs- und Innovationspolitik selbst muss sich beschleunigten Innovationszyklen und einem immer härteren Wettbewerb der Standorte stellen. Ich will vier Elemente dieser Strategie nennen:

  1. Grundlage für Innovationen ist eine herausragende unabhängige, wissenschaftliche Forschung.

Die Grundlage für Innovationen ist eine hervorragende unabhängige wissenschaftliche Forschung. Die Hochschulen leisten einen unverzichtbaren Beitrag zu Innovationen, zum Fachkräfteangebot, zu mehr Wirtschaftswachstum und zu einer besseren Beschäftigungssituation. So führen Investitionen in Hochschulen laut Schätzungen der OECD zu einer fiskalischen Rendite von 9 Prozent. Zur Stärkung der Hochschulen haben wir deshalb zusammen mit den Ländern im Sommer 2016 ein strategisches Gesamtpaket beschlossen. Im Paket sind unter anderem die

  • Exzellenzstrategie für die universitäre Spitzenforschung und
  • die Förderinitiative „Innovative Hochschule“ für den Transfer enthalten.

Die Weiterführung der Exzellenzstrategie ist ab 2018 jährlich mit über einer halben Milliarde Euro dotiert und soll langfristig angelegt sein. Besonders die LMU war mit vier Graduiertenschulen, vier Exzellenzclustern sowie dem Zukunftskonzept LMUexcellent in der zweiten Runde des Exzellenzwettbewerbs im Jahr 2012 erfolgreich. Die Weiterführung der Exzellenzinitiative wird in der Zukunft dazu führen, dass die Spitzenforschung international noch wettbewerbsfähiger wird.

Neben der ersten und zweiten Mission der Hochschulen, der Forschung und Lehre, wollen wir die dritte Mission – Transfer und Innovation – nachhaltig stärken. Dafür haben wir Ende letzten Jahres die Förderung zur „Innovativen Hochschule“ ausgeschrieben. Zu oft sind Transferaktivitäten an einzelne Personen gebunden. Verlässt die Person die Hochschule, so geht der Hochschule auch ihre Kompetenz verloren. Daher verfolgt die „Innovative Hochschule“ einen systemischen Ansatz: Hier geht es nicht um die Förderung kleiner, einzelner Transferprojekte. Die Hochschulen mussten sich vielmehr mit einer kohärenten Transferstrategie und einem überzeugenden Konzept zur Umsetzung dieser Strategie bewerben.

Für die Förderung stellen wir zusammen mit den Ländern insgesamt 550 Millionen Euro in zehn Jahren bereit. Die Auswahlentscheidung der zur Förderung empfohlenen „Innovativen Hochschulen“ wird am 04. Juli 2017 bei einer Pressekonferenz bekanntgegeben.

Ein weiterer wichtiger Punkt zur Stärkung unseres Wissenschaftssystems ist das Vorantreiben von Open Access. Grundlegend für Vernetzung und Wissenstransfer ist auch der umfassende und ungehinderte Zugang zu Wissen. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen leichter zugänglich und Forschungsergebnisse sichtbarer werden. Denn der unmittelbare und zeitnahe Austausch von Wissen, Daten und Informationen über Grenzen und Institutionen hinweg, ist Voraussetzung dafür, dass wir mit der Innovationsdynamik Schritt halten können. Wir setzen deshalb die Open-Access-Strategie meines Hauses konsequent um und entwickeln sie zu einer nationalen Strategie weiter.

  1. Wir müssen eine offene und partizipative Innovationskultur schaffen

Wir wollen Frei- und Experimentierräume öffnen. Diese sollen weit über die üblichen Formen der Vernetzungsaktivitäten hinausgehen. Unser Ziel ist es, neue Formen der Zusammenarbeit zu unterstützen und zu etablieren. Dem Wissen und Engagement von Bürgerinnen und Bürgern wollen wir Entfaltungsräume, dem Know-how von Expertinnen und Experten den ihm gebührenden Platz bieten. Unternehmerisches Risiko soll belohnt, Mut zur Umsetzung neuer, bahnbrechender Ideen gefördert und gesellschaftliche Verantwortung honoriert werden. Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft sollten disziplinübergreifend zusammen arbeiten. Nutzer, Anbieter und Produzenten, ebenso wie große und kleine Akteure sollten zusammenkommen und so gemeinsam Neues schaffen.

  • Ideen-, Wissens- und Technologietransfer intensivieren

Neue Formen der Zusammenarbeit können kreative Potentiale heben. Wir schlagen deshalb vor, Maßnahmen und Programme zu stärken, welche Vielfalt schaffen und neue Lösungen ermöglichen. Deshalb sollten wir:

  • Forschungsergebnisse, die das Potenzial für grundlegende Neuerungen haben und einen großen Mehrwert für unsere Lebensqualität erwarten lassen, technologieübergreifend auf ihre Anwendungsmöglichkeiten prüfen. Eine neue Validierungsfördermaßnahme sollte den Übergang bis zur Markt- und Anwendungsreife unterstützen. Die Maßnahme soll sich an Wirtschaft und Wissenschaft richten und auch gesellschaftliche Akteure mit einbeziehen.
  • einen neuen Spitzencluster-Wettbewerb initiieren, welcher neu entstehende Forschungs- und Innovationsfelder adressiert. Ebenso sollten neue interdisziplinäre Modelle der Zusammenarbeit für Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Start-ups, die an disruptiven Technologien arbeiten,  im Fokus stehen.
  • auf Open-Innovation-Campi  Demonstrationsvorhaben von Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Experten und Nutzern zur gezielten und strategischen Öffnung von Innovationsprozessen unterstützen. Diese sollten in beide Richtungen gehen: Anwendung und Entwicklung in offenen Innovationslaboren.

Wir planen die Initiativen des Bundes zum Ideen-, Wissens- und Technologietransfer in einem Exzellenzprogramm für Kooperation und Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zu bündeln. Dabei sollen Synergien zwischen den Einzelmaßnahmen entstehen und die Strukturen der Kooperationsförderung professionalisiert werden.

  • Gründerinnen und Gründer unterstützen

Start-ups sind die Marktführer von morgen und eine wichtige Quelle für innovative Geschäftsideen, kreative Prozesse und neue Produkte. Wir wollen Menschen, ob jung oder alt, ob Frau oder Mann, unterstützen, selber unternehmerische Verantwortung zu übernehmen. Exzellente Forschung kann ein Grundstein für die Entstehung und den Erfolg innovativer Geschäftsideen sein. In Wissenschaft und Forschung muss es daher noch stärker als bisher gelingen, den Weg für Gründungen als eine Option der Verwertung von Forschungsergebnissen zu bereiten. Deshalb:

  • schlagen wir vor, neue Ansätze für die Bildung zur unternehmerischen Selbständigkeit und Verwertungskompetenz aus der Forschung heraus zu entwickeln. Diese sollen zu einer stärkeren Gründungs- und Verwertungskultur in der Wissenschaft beitragen.
  • Wir planen, unsere Forschungsförderprogramme um Module zur Gründungsförderung zu erweitern. Dort, wo wir Kompetenzzentren in aufbauen, z.B. im IT-Sicherheitsbereich oder in der Forschungsfabrik Mikroelektronik, werden wir auch Inkubatoren für Start ups vorsehen, damit die praktischen Erprobungs-Bedürfnisse von Unternehmensgründern und jungen, wachsenden Firmen gleich mitberücksichtigt werden.
  • Wir wollen junge Start-ups intensiver in unsere Clusterförderung integrieren und  den Zugang für Gründerinnen und Gründer zu bestehenden themenoffenen Programmen der Bundesregierung vereinfachen. Es geht darum, diese zielgenauer auf die Bedürfnisse junger Unternehmerinnen und Unternehmer zuschneiden.

Gleichzeitig setzten wir uns für weitere Verbesserungen der steuerlichen Rahmenbedingungen für Wagniskapital ein. Wir schließen damit Lücken in der bisherigen Förderung von Gründerinnen und Gründern der Bundesregierung.

  • Mittelstand stärken

Es ist vor allem der Mittelstand, der neue Ideen in Märkte einführt und damit über unsere Wirtschafts- und Innovationskraft mitentscheidet. Wir müssen insbesondere diejenigen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) aktivieren, die in den vergangenen Jahren wenig innovativ waren. Gleichzeitig werden wir forschungsstarke KMU auf die für Deutschland wichtigen Innovationspfade mitnehmen. Wir planen:

  • den Mittelstand in Schlüsselbereichen der deutschen Wirtschaft zu stärken, indem wir Schlüsselkompetenzen z.B. in der Digitalisierung gemeinsam entwickeln,
  • Hochschulen und öffentliche Forschungseinrichtungen, z.B. im Rahmen eines neuen Paktes für Forschung und Innovation, als zentrale Forschungs- und Innovationspartner stärker für die Zusammenarbeit mit dem Mittelstand zu öffnen,
  • zur Sicherung des Fachkräfteangebots beizutragen
  • sowie Förderverfahren weiter zu vereinfachen. Insbesondere indem wir  gemeinsam mit technologieübergreifenden Förderprogrammen des BMWi eine konsistente und transparente Architektur der F&E-Förderung des Mittelstands sicherstellen.

Hierzu bauen wir unser Zehn-Punkte Programm „Vorfahrt für den Mittelstand“ weiter aus.

  • Umfassend handeln: technische und soziale Innovationen

Unser Innovationsverständnis basiert auf einem umfassenden Innovationskonzept, das neben technologischen auch soziale Innovationen gleichberechtigt in den Blick nimmt. Neue Geschäftsmodelle, organisatorische Praktiken oder neue Formen des Lernens, Arbeitens und Zusammenlebens können eine größere Wirkmacht haben als einzelne Technologien. Häufig bedingen sie einander. Deshalb:

  • schlagen wir vor, die Fachprogramme der Forschungsförderung verstärkt für soziale Innovationen zu öffnen und  auf wichtige gesellschaftliche Ziele auszurichten, wie dies in der Vergangenheit z.B. bei der Pflege geschehen ist,
  • schaffen wir Experimentierräume für soziale Innovationen, in denen Innovatorinnen und Innovatoren sowie potenzielle Nutzerinnen und Nutzer zusammenkommen. Hier können Formen der sharing economy, institutionelle Instrumente, neue Finanzierungsmodelle und Verwertungswege oder die Einbeziehung bürgerlichen Engagements erprobt werden.
  • planen wir in Reallaboren zu erproben, wie technologische und soziale Innovationen unter lebensnahen Bedingungen umgesetzt werden können.
  • schlagen wir vor, das Programm zur Bürgerforschung (CitizenScience) ausbauen.
  1. Wir wollen auf Schlüsselfeldern des technologischen Wandels Kompetenzvorsprünge aufbauen

Beim Thema Industrie 4.0 haben wir Weitsicht gezeigt: Industrie 4.0 wurde im Rahmen der Hightech-Strategie und der damaligen Forschungsunion entwickelt und vorangetrieben. Deshalb hat Deutschland bei der Industrie 4.0 einen Vorsprung. Das wollen wir auch auf anderen Feldern erreichen. Ich will Ihnen vier Beispiele für „neue Missionen“ nennen, die mein Haus vorantreiben möchte:

  1. Beispiel „Lernende Systeme“:

Systeme sind mittlerweile in der Lage, Daten aus der Umwelt eigenständig auszuwerten, zu analysieren und autonom Regeln abzuleiten, die niemand einprogrammiert hat.

Das selbstfahrende Auto, das sich in einem komplexen Verkehrsgeschehen zurechtfinden soll, ist dafür ein prominentes Beispiel. Nur Fahrzeuge, die den Umgang mit verschiedenen Verkehrssituationen lernen, können autonom sein. Die Potenziale für lernende Systeme sind vielfältig:

Lernende Systeme bringen zum Beispiel für den Gesundheitsbereich enorme Vorteile, etwa wenn sie bei der Mammographie große Mengen an Röntgenbildern schnell analysieren und für einen Facharzt nur die Verdachtsfälle heraussuchen können. Auch In der IT-Sicherheit werden lernende Systeme eingesetzt, denn sie erkennen Muster in großen Datenmengen, die kein Mensch erkennen könnte und vermögen so Angriffstaktiken frühzeitig zu melden.

Es gibt in diesem Bereich noch viele offene Forschungsfragen, daher haben wir im BMBF ein Zukunftsprojekt „Lernende Systeme“ aufgesetzt.

  1. Beispiel: „Sicherheitsforschungscluster“

Sicherheit in einer offenen, global vernetzten Gesellschaft zu gewährleisten, ist angesichts der zunehmenden Terrorgefahr herausfordernder denn je. Wissenschaft kann sich hier als Vertrauensinstanz bewähren. Das haben wir mit den IT-Sicherheitszentren bereits bewiesen. Jetzt möchten wir nationale Sicherheitsforschungscluster aufbauen, von denen Experten und Praktiker aus Wissenschaft, Wirtschaft oder auch Einsatzkräften wie zum Beispiel Feuerwehr oder THW profitieren können.

  1. Beispiel: „Nationale Wirkstoffinitiative“

Infektionskrankheiten werden weltweit aufgrund von fehlenden Wirkstoffen und sich ausbreitenden Antibiotika-Resistenzen zu einer immer größeren Bedrohung. Wegen kostenintensiver Forschung und zu geringen Gewinnmargen haben sich viele pharmazeutische Unternehmen aus der Wirkstoffforschung für Infektionskrankheiten zurückgezogen. Mit einer Nationalen Wirkstoffinitiative will das BMBF diesen wichtigen Bereich stärken.

  1. Beispiel Energiewende

Im Bereich der Energiewende fördern wir mit den „Kopernikus-Projekten“ bereits an langfristigen Zielen ausgerichtete Forschung. Ein Kopernikus-Projekt hat sich beispielsweise zum Ziel gesetzt, überschüssige erneuerbare Energie durch Umwandlung in andere Energieträger zu speichern. Die Förderung für diese Projekte ist auf 10 Jahre angelegt und hat von Beginn an einen systemischen Ansatz. Es werden also alle Akteure des Innovationsprozesses einbezogen und auch der Transfer von der Grundlagenforschung in die Anwendung von Anfang an mitgedacht.

  1. Wir begreifen die Digitalisierung als zentrale Querschnittsaufgabe

Wir stehen am Beginn einer datengetriebenen Ökonomie und Ökologie. Die Entwicklung von Fähigkeiten, Instrumenten und Methoden, um große Datenmengen zu gewinnen, zu speichern, zu analysieren und daraus neue Erkenntnisse und Entscheidungshilfen zu gewinnen, wird zu einer Schlüsselkompetenz.

Wir werden die Digitalisierung als übergreifendes Querschnittsthema angehen. Dementsprechend sind auch nahezu alle Bildungs- und Forschungsfragen direkt oder indirekt von Digitalisierung betroffen. Das thematische Spektrum reicht dabei von digitaler Bildung an unseren Schulen über Informationsinfrastrukturen in der Wissenschaft bis hin zur nächsten industriellen Revolution auf Basis von „intelligenten Maschinen“.

Wir wollen die neuen Möglichkeiten interdisziplinärer Datenanalyse unterstützen und voran bringen. Deshalb beraten wir über eine nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI): Der Rat für Informationsinfrastrukturen, den Bund und Länder gegründet haben, hat eine verteilte nationale Infrastruktur vorgeschlagen, die als künftiges Rückgrat für das Forschungsdatenmanagement in Deutschland dienen kann. Mit einer einrichtungs- und länderübergreifend strukturierten sowie nachhaltig organisierten NFDI werden neue Forschungsmöglichkeiten durch breitere und bessere Zugänglichkeit von Daten und Forschungsergebnissen für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft eröffnet.

Gute Infrastrukturen und gutes Forschungsdatenmanagement müssen Hand in Hand gehen. Daher brauchen wir eine neue Generation von Datenwissenschaftlerinnen und Datenwissenschaftlern – und als Grundlage hierfür neue bzw. erweiterte Studien – und Ausbildungsgänge sowie zusätzliche Angebote in der Fort- und Weiterbildung.

Die Digitalisierung erfordert demnach auch einen neuen Bildungsauftrag für die Schulen. Die Digitalisierung verändert die Gesellschaft wie auch die Arbeitswelt. Der Bildungsauftrag der Schule besteht darin, Schülerinnen und Schüler auf ein selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Dazu gehören auch die Anforderungen der digital geprägten Arbeitswelt.

Die wesentlichen Voraussetzungen für gute digitale Bildung sind geeignete pädagogische Konzepte, gut ausgebildete Lehrkräfte sowie eine leistungsfähige digitale Infrastruktur in den Schulen.

Das haben wir in der im Oktober 2016 veröffentlichten Strategie „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ dargestellt.  Dazu hat Frau BM’in Wanka den DigitalPakt Schule zur Förderung des Aufbaus digitaler Infrastruktur und zur Umsetzung digitaler Bildung in allen deutschen Schulen, das heißt ausdrücklich einschließlich der Berufsschulen, vorgeschlagen. Klar ist für uns: Die digitale Infrastruktur ist für uns kein Selbstzweck. Es gilt der primnat der Pädagogik. Aber ein bundesweiter qualitativer Schritt wird uns nur gelingen, wenn wir an allen Stellen – Infrastruktur, Inhalte und Lehrpersonal - gleichzeitig vorangehen.

Das ist auch das gemeinsame Verständnis von Bund und Ländern. Die gemeinsame Staatssekretärs-Arbeitsgruppe hat sich bereits auf Eckpunkte für den zukünftigen DigitalPakt Schule verständigt. Sie wird ihre Arbeit fortsetzen, um noch offene Punkte zu klären und bis spätestens Ende des Jahres 2017 eine unterschriftsreife Bund-Länder-Vereinbarung für einen „DigitalPakt Schule“ vorzulegen.

  1. Schluss

Digitalisierung, Gesundheit, Sicherheit und Energie sind Felder, auf denen unser Land herausragende Chancen hat. Ich könnte diese Liste weiter verlängern. Um diese Chancen zu nutzen, müssen wir in die großen Zukunftsprojekte unseres Landes investieren.

Deshalb wollen wir die FuE-Quote bis 2025 auf 3,5 Prozent des BIP steigern. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass auch zukünftig zwei Drittel der zusätzlichen FuE-Investitionen von der Wirtschaft kommen müssen. Eine Politik, die öffentliche Investitionen ausbaut, aber gleichzeitig die Rahmenbedingungen für private Investitionen verschlechtert, würde unser Land ins Abseits führen.

Wir brauchen hierzu eine lernende Strategie für unsere Forschungs- und Innovationspolitik, die den neuen Herausforderungen gerecht wird.  Ich habe zentrale Handlungsfelder benannt, welche in den kommenden Jahren aus meiner Sicht im Vordergrund stehen sollten.

Grundlage für unser aktuelles und zukünftiges Programm war eine enge Begleitung der HTS durch unabhängige Gremien aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. So haben wir immer wieder die Empfehlungen der Expertenkommission für Forschung und Entwicklung (EFI), des Hightech-Forums und des Innovationsdialoges aufgegriffen und entsprechende Maßnahmen entwickelt.

Wir brauchen eine wissenschaftlich fundierte Evidenz dafür, welche Politikmaßnahmen funktionieren und welche eher nicht.

Durch die fortschreitende Digitalisierung ist es möglich, Theorien sehr fundiert empirisch zu testen. So können Politikmaßnahmen zeitnah evaluiert werden und damit auch die Wirksamkeit und Genauigkeit von Politik verbessert werden. 

Durch die neuen Möglichkeiten von Big Data und immer größeren Rechnerkapazitäten haben sich auch in der Wissenschaft ganz neue Räume zur Untersuchung von Problemen ergeben. Im Speziellen haben die neuen Datenmengen natürlich auch die Forschungsmöglichkeiten in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften revolutioniert.

Deswegen hat mein Haus in diesem Jahr eine Forschungsförderung aufgelegt, die das Ziel hat, neue Impulse auf dem Feld der Messung von Innovationen zu setzen. Der Innovationsbegriff soll breiter werden und so auch empirisch erfasst werden können. Das Ziel ist, in Zukunft auch auf Indikatoren für soziale Innovationen, Geschäftsmodellinnovationen und andere Formen neuer Innovationstypen zugreifen zu können.

Wir, im Ministerium, sind darauf angewiesen, dass Sie, die Volkswirte und Forscher uns mit evidenzbasierter Politikberatung unterstützen. Die Wirtschaftsforschungsinstitute, wie das ifo-Institut, leisten einen wesentlichen Beitrag dafür, dass wir die Ergebnisse unserer Politik bewerten und unsere Strategien verbessern können. Ihre Forschungsergebnisse wollen wir auch in Zukunft nutzen, um eine erfolgreiche Innovationspolitik für die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes umzusetzen!