Wissenschaftler warnt vor Zecken-Jahr 2018

Mikrobiologe Gerhard Dobler kann bereits im Winter die Zeckenpopulation für den Sommer vorhersagen. Seine Warnung: Nach dem Rekordjahr 2017 wird es in diesem Jahr erneut mehr Fälle von Frühsommer-Meningoenzephalitis geben. Ein Interview mit bmbf.de.

Mit dem Tuch streift Gerhard Dobler über die Vegetation, damit die Zecken sich dort anklammern und eingesammelt werden können. Er 'simuliert' damit ein vorbeilaufendes Felltier. Fachleute nennen das Verfahren auch 'Flagging'. © Privat

Bmbf.de: Herr Dobler, die Zecke ist der gefährlichste Überträger von Krankheitserregern in Deutschland. Warum ist das so?

Gerhard Dobler: Zecken sind die Hauptüberträger der Borreliose und der Frühsommer-Meningoenzephalitis. Letztere ist eine virale Hirnhautentzündung, die tödlich enden kann. Während sich die Borreliose mit Antibiotika behandeln lässt, gibt es für FSME keine Heilung – dafür aber eine vorbeugende Impfung.

2017 waren die FSME-Fälle in Deutschland bereits auf einem Rekordniveau. In diesem Jahr erwarten Sie noch einmal einen Anstieg der Fälle zum Vorjahr. Wie kommen Sie darauf?

Gerhard Dobler ist Oberfeldarzt am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr. © Sanitätskademie / Julia Langer

Wir haben in diesem Jahr deutlich mehr Zecken als im vergangenen Jahr. Daher dürfte auch das Infektionsrisiko deutlich ansteigen.

Woher wissen Sie das – immerhin ist das Jahr noch nicht vorbei?

Wir haben gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Wien ein Modell entwickelt, mit dem wir bereits im Winter berechnen können, wie viele Zecken es im Sommer geben wird. Für das Zecken-Jahr 2018 gehen wir von 443 Zecken auf einer standardisierten Fläche, die in etwa einem Fußballfeld entspricht, aus. Wenn wir die Zeckenzahlen von März bis Juli aufs gesamte Jahr hochrechnen, bestätigt sich unsere Prognose.

Könnte doch Zufall sein…

Wir waren 2017 schon sehr punktgenau: Damals hatten wir für die genannte Fläche 187 Zecken vorhergesagt – gefunden haben wir 180!

Wie genau geht das?

Mit Ausdauer, Akribie und Statistik: Seit neun Jahren sammle ich einmal im Monat gemeinsam mit meiner Frau Zecken in einem ausgewählten Waldstück in Süddeutschland. Über die Jahre fiel dabei auf, dass die dortige Zeckenpopulation repräsentativ für ganz Mitteleuropa ist. Mithilfe unserer Daten und anderer Umgebungsmerkmale wie beispielsweise der Jahresdurchschnittstemperatur oder der Anzahl an Bucheckern können wir die Zeckenanzahl berechnen.

Was haben Bucheckern mit Zecken zu tun?

Je mehr Bucheckern es gibt, desto mehr Wild und Nagetiere gibt es später. Und diese dienen dann als Blutmahlzeit für die Zecken, die dann ebenfalls vermehrt auftauchen.

Lassen Sie uns einen Schritt zurückgehen: Sie sammeln in Ihrer Freizeit Zecken – warum machen Sie das Monat für Monat?

Um die Ausbreitung und Aktivität des FSME-Virus genauer zu verstehen. Zudem können wir mit unseren Vorhersagen rechtzeitig vor der erhöhten Gefahr warnen. Lokale, regionale und nationale Gesundheitsbehörden können so Interventionsstrategien besser planen.

Was sollten die Bürgerinnen und Bürger tun, um sich zu schützen?

Wie bereits erwähnt, gibt es eine vorbeugende Impfung: Die sollte jeder haben, der sich in FSME-Risikogebieten aufhält. Und ganz generell sollte man sich in diesem Jahr besonders des Risikos bewusst sein und sich entsprechend schützen. Also: Wachsamkeit nach Waldspaziergängen, lange Kleidung, hohe Schuhe, Insektenschutzmittel.

Viele Menschen fürchten oder verweigern Impfungen…

Dagegen kann ich nur den Erfolg der Impfung anführen: In Österreich liegen die FSME-Fallzahlen um 80 bis 90 Prozent unter denen vor der Einführung der Impfung. Der Grund dafür sind Impfkampagnen in Kindergärten und Schulen. Die FSME-Erkrankung ist dort fast eliminiert – wobei das Virus natürlich noch da ist. Letztlich liegt es an uns allen: Lassen sich weniger Menschen impfen, sind auch die Krankheitsfälle wieder auf dem Vormarsch.

Hintergrund

Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr koordiniert das vom Bundesforschungsministerium geförderte Verbundprojekt TBENAGER (Tick-Borne Encephalitis in Germany). Er untersucht gemeinsam mit Partnern des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie der Universitäten Hohenheim, Leipzig, München, Hannover und Magdeburg die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).

Die FSME ist die wichtigste endemisch vorkommende durch Zecken übertragene Virusinfektion weltweit. TBENAGER erforscht die Epidemiologie, Pathogenese und Ökologie der FSME mit dem Ziel, die trotz einer effektiven Impfung immer noch hohen Erkrankungszahlen in Deutschland zu reduzieren. So sollen z.B. die Forschungsergebnisse zur Risikoanalyse den lokalen, regionalen und nationalen Gesundheitsbehörden zur besseren Planung und Implementierung von Interventionsstrategien zur Verfügung gestellt werden.

TBENAGER ist eines von sieben Verbundprojekten, die das Bundesforschungsministerium mit der Initiative „Nationales Forschungsnetz zoonotische Infektionskrankheiten“ seit 2017 mit insgesamt 40 Millionen Euro fördert.