Wovon sollen unsere Kinder in Zukunft leben?

Europa muss technologische Souveränität anstreben. Nur so können wir Arbeitsplätze und Wertschöpfung für nachfolgende Generationen ebenso erhalten wie hohe Standards bei Sicherheit und Datenschutz. Ein Namensbeitrag von Anja Karliczek. 

Kinder auf einem Baum im Herbst
Kinder auf einem Baum im Herbst © gettyimages/ArtMarie

Das abgelaufene Jahr 2020 hat der gesamten Gesellschaft viel abverlangt. Die durch Corona ausgelöste größte Wirtschaftskrise seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland und die 180 Milliarden Euro neuer Schulden zwingen uns auf absehbare Zeit zu einem Leben von der Substanz.

In diesem Lichte erscheinen mir heute viele politische Debatten der vergangenen Jahre als reine Wohlstandsreflexe. Es geht viel zu oft nur um die Frage, wie wir leben wollen. Das offen zur Schau getragene Mantra einer Politik des „Mehr von mehr“ und des schlichten Umverteilens verspricht jedoch für Deutschland auf Dauer keinen Erfolg.

Wer von Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit spricht, muss auch Antworten auf die Frage geben, wovon wir künftig leben wollen. Wenn ich an Zukunft denke, dann denke ich zuallererst an die Kinder in unserem Land. Allein zwischen Januar und September 2020 sind laut Statistischem Bundesamt 850.342 Kinder in Deutschland zur Welt gekommen. Wir müssen heute Antworten darauf geben, wovon unsere Kinder in 20 oder 30 Jahren gut leben können. Und das in einer Welt im Wandel.

Die internationalen Kräfteverhältnisse werden sich Prognosen zufolge in den nächsten drei Jahrzehnten weiter verschieben. Bei einer Weltbevölkerung von 9,74 Milliarden Menschen im Jahr 2050 wird Deutschland mit seinen voraussichtlich rund 77 Millionen Bürgern nur noch knapp 0,7 Prozent ausmachen, die EU rund 4,5 Prozent und die USA circa 3,8 Prozent. Indien mit 16 Prozent und China mit 14 Prozent werden dann wohl den größten Anteil an der Weltbevölkerung stellen. Noch ist offen, welche Region in der Entwicklung neuer Technologien den Ton angibt und wer künftig weltweit die technologischen und wertebasierten Standards (durch-)setzen kann.

Europa darf dabei nicht ins Hintertreffen geraten. Wir müssen zunächst bestehende internationale Abhängigkeiten etwa bei der Medikamentenentwicklung und -versorgung schärfer in den Blick nehmen und gegensteuern. Aber auch beim Aufbau von neuen Schlüsseltechnologien, etwa beim Aufbau eines sicheren 5G-Netzes und der Vorbereitung von 6G-Netzen, dürfen wir uns den Wind nicht aus den Segeln nehmen lassen.

Nur wenn wir technologisch souverän sind, halten wir Wertschöpfung und Arbeitsplätze in unseren Breiten und können auch unsere hohen Standards bei Sicherheit und Datenschutz wahren. Wir haben es selbst in der Hand, die technologische Souveränität der EU in diesem Jahrzehnt spürbar auszubauen, um auch künftig unsere europäische Lebensweise selbstbestimmt erhalten und gestalten zu können.

Was bedeutet das für uns in Deutschland? Meine Haltung ist hier klar. Erstens ist der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands eng mit dem Wohlergehen der EU verknüpft. Wir müssen selbst in der Lage sein, Schlüsseltechnologien aus eigener Kompetenz heraus zu verstehen, herzustellen und weiterzuentwickeln. Künstliche Intelligenz dringt aktuell in die Bereiche vor, in denen wir traditionell stark sind. In den Quantentechnologien ist die Spitzenposition in der Entwicklung noch offen. Und auch die Kommunikationssysteme, namentlich 6G und Open RAN, entwickeln sich rasant. In all diesen Zukunftsfeldern positionieren wir uns mit dem Ziel, die Weltspitze zu erobern. Der Zukunftsfonds der EU zur Überwindung der Pandemie ist dafür eine Grundlage.
Das bedeutet zweitens, dass wir uns als Innovationsland Deutschland nicht auf den Erfolgen früherer Tage ausruhen dürfen. Wir müssen Bildung, Forschung und Innovation in den Mittelpunkt stellen und Klimaschutz sowie Digitalisierung als die großen Themen unserer Zeit vorantreiben.

Ich blicke mit Zuversicht nach vorne: Wir haben das Zeug dazu, als Apotheke der Welt einen Impfstoff gegen Corona zu entwickeln. Wir haben das Zeug dazu, die treibende Kraft einer nachhaltigen Digitalisierung in der Welt zu werden. Wir haben das Zeug dazu, Ausrüster der Welt für grüne Wasserstofftechnologien zu werden und internationale Standards für energieeffiziente Hochtechnologien zu setzen.

Den Aufbau einer internationalen grünen Wasserstoffwirtschaft treiben wir bereits voran, um deutschen Unternehmen weltweit Türen zu neuen Absatzmärkten zu öffnen. Wir haben das Zeug dazu, auf Forschungsgebieten wie der Cybersicherheit weltweit auf Platz eins zu sein. Das Helmholtz Zentrum für Cybersicherheit in Saarbrücken zeigt, wie es geht. Und wir haben gewiss auch das Zeug dazu, durch den Aufbau einer modernen Kreislaufwirtschaft in der Wirtschaft 5.0 mit neuesten Materialinnovationen und einer Elektronik der nächsten Generation einen neuen internationalen Trend zu setzen. All dies können wir schaffen, wenn wir uns ins Zeug legen.


Und das bedeutet drittens, dass wir uns über eines im Klaren sein müssen: Die Beantwortung der Frage nach dem „Wovon“ und nach dem „Wie“ wir künftig leben wollen, sind zwei Seiten derselben Medaille. Wenn wir keine überzeugenden Antworten auf das „Wovon“ haben, dann wird uns auch die Kraft fehlen für eine souveräne Entscheidung über das „Wie“. Beides müssen wir im Blick haben, damit wir unserer Verantwortung für unsere nachkommenden Generationen in Deutschland und Europa gerecht werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Wirtschaftswoche