Zentrale Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück

Rede von Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, am 19. April 2015 in Ravensbrück  

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Der Historiker Karl Schlögel gab einem seiner Bücher den prägnanten Titel: „Im Raume lesen wir die Zeit“. Orte, die wir heute besuchen, können uns einen Einblick in die Vergangenheit geben. Die Spuren der Vergangenheit unterstützen uns, das zu verstehen, was geschehen ist. Das spüren wir besonders hier in Ravensbrück: Das, was im Konzentrationslager Ravensbrück geschehen ist, lässt sich kaum in Worte fassen: 132.000 Frauen und Kinder sowie 20.000 Männer aus mindestens 40 Nationen waren hier inhaftiert. Mindestens 28.000 Menschen wurden ermordet, starben an Hunger oder Krankheiten.

Sie mussten menschenunwürdige Bedingungen ertragen, Demütigungen durch Gewalt und Zwangsarbeit. Ravensbrück steht für die schlimmsten Persönlichkeitszerstörungen. Hier wurden Menschen erniedrigt, ihrer Würde beraubt, waren unterscheidbar nur noch durch Nummern und Kategorien.

In einem Gedicht der polnischen Journalistin Maria Rutkowska, die 1942 in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt wurde, heißt es – ich zitiere: „Entblößt und erzittert/ Erkennst Du mich? Ich gebe Dir die Hand nicht,/ Sie ist meine nicht mehr.“ Rutkowska beschreibt hier in eindrücklichen Worten ihre Situation kurz nach ihrer Ankunft in Ravensbrück.

Wenn wir heute diesen Ort besuchen, dann sind das Leid und der Terror, den die Menschen hier ertragen mussten, immer wieder gegenwärtig. Es ist unsere Aufgabe, dieses Gedenken an die Opfer zu bewahren und das Geschehene nicht vergessen zu lassen.

Die Gedenkstätte Ravensbrück als Teil der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten ist getragen vom Land Brandenburg und vom Bund. Und wir können deutlich sagen: Wir werden diesen Ort erhalten, wir werden ihn immer erhalten für künftige Generationen: Als zeithistorisches Museum, als Friedhof, als Ort des Gedenkens.

Gedenkstätten sind ein Scharnier zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Zum einen machen sie historische Berichte greifbarer. Zum anderen sprechen authentische Orte uns emotional an, vermitteln ein Gefühl von Raum und Zeit und intensivieren unsere Wahrnehmung. Auch hier in Ravensbrück verbinden sich „Fühlen“ und „Wissen“ miteinander.

Es fällt schwer, zu begreifen, welch unmenschliches Leid die Häftlinge ertragen und welche Torturen, Bestrafungen und Schikanen sie über sich ergehen lassen mussten.

Die Zeugnisse der Überlebenden sind es, die es uns ermöglichen, etwas davon zu verstehen. Nur dank dieser Zeitzeugenberichte kristallisieren sich aus den furchtbaren Opferzahlen einzelne Biografien heraus. Ich konnte im Laufe der Jahre eine Reihe von Überlebenden kennenlernen. Das, was sie berichtet haben, ist mir unauslöschlich im Gedächtnis geblieben. Und was ich bewundere, ist die Kraft und der Lebensmut, den viele von ihnen nach diesen schrecklichen Erlebnissen ausstrahlen.

Meine Damen und Herren, wir werden Ravensbrück auch als einen Ort des Nachdenkens und der Bildung und des Lernens erhalten. Ich denke nur an die einzigartige Sammlung von Erinnerungsberichten in über 20 Sprachen, die hier in Ravensbrück bewahrt werden.

Es gibt ein internationales Engagement für das Ravensbrück-Gedächtnis, das an Ländergrenzen keinen Halt macht. Es geht dabei um Menschen, egal welcher Herkunft, welcher Nation; es geht um die Menschen, die hier gelitten haben, die hier gestorben sind; und auch um die Menschen, die diese schlimmen Qualen überlebt haben.

Ich weiß, dass die Überlebenden sich dafür einsetzen, das Geschehene und das Gedenken wach zu halten und uns zu helfen, uns mit dem Unfassbaren und Unmenschlichen auseinanderzusetzen.

Zur Biografie der Überlebenden gehören das Leben in der Gegenwart und das Leben, die Erfahrungen in der Vergangenheit. Die Überlebenden haben nach der Zeit hier im Konzentrationslager ihren eigenen und individuellen Weg gesucht. Die Wege sind sehr unterschiedlich; auf jeden dieser Wege blicken wir mit großem Respekt.

Einige haben ihre Erfahrungen literarisch und künstlerisch verarbeitet. Zum Beispiel Ceija Stojka, die mit 11 Jahren nach Ravensbrück kam und Zwangsarbeit in der Wäscherei leisten musste. 1988 veröffentlichte sie eine der ersten Beschreibungen der Roma-Verfolgung im Nationalsozialismus. Sie bekam 2003 in ihrer Heimatstadt Wien eine Ehrenprofessur.

Oder politisches Engagement: Viele von denen, die in diesem Konzentrationslager waren, haben sich politisch engagiert. Zum Beispiel Anna de Waal. Sie war eine der ersten niederländischen Häftlinge, die nach Ravensbrück gebracht wurden. Sie wurde 1953 als erste Frau Staatssekretärin in den Niederlanden.

Und wieder andere haben sich in einer neuen Heimat oder ihrer alten Heimat ein soziales Umfeld geschaffen, das ihnen Mut für den Blick nach vorne gab.

Meine Damen und Herren, wir wissen, dass es in unser aller Verantwortung liegt, dieses Erinnern weiterzutragen und fortzusetzen.

Ich möchte mich an dieser Stelle für die Arbeit der Gedenkstätte Ravensbrück bedanken. Bei all denen, die sich hier hauptamtlich oder ehrenamtlich engagieren. Ich bin froh über die bauliche Situation, die wir jetzt haben und die würdig ist. Und ich bin froh über viele, viele Aktivitäten.

Die Vergangenheit ist eine Mahnung für uns. Wir stehen nicht nur in der Verantwortung für das, was wir tun, sondern wir stehen auch immer in der Verantwortung für das, was wir zulassen. Und gerade aus der Erinnerung an den nationalsozialistischen Terror erwächst eine besondere und eine immerwährende Verantwortung für unser Land. Es ist die Verantwortung, überall und jederzeit für die unveräußerliche Würde des Menschen einzustehen. Nur auf dieser Grundlage können wir Zukunft gestalten. Wenn die Menschenwürde auch nur eines Einzelnen in Frage gestellt ist, dann ist die Menschenwürde als Ganzes in Gefahr.

Das ist die Mahnung.

In Verantwortung leben heißt, dass wir nicht schweigen dürfen, wenn wir Zeugen werden von Rassismus, Extremismus, Antisemitismus. Das, meine Damen und Herren, das ist die Aufforderung, die Pflicht, die wir hier in Ravensbrück spüren.

Vielen Dank.