Zukünftige Entwicklung der Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Georg Schütte, im Rahmen der Sitzung der Ordinarien für Innere Medizin in Mannheim

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Professorinnen und Professoren,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung zu der heutigen Veranstaltung. Es freut mich sehr heute zu Ihnen über ein Thema zu sprechen, das einen sehr hohen Stellenwert in der Forschungs- und Förderpolitik des Bundesministeriums für Bildung und Forschung hat.
Auch in der neuen Legislaturperiode wird die Gesundheitsforschung, ausweislich des Koalitionsvertrages, einen klaren Schwerpunkt bilden. Der konkrete Nutzen für die Patientinnen und Patienten wird noch mehr in den Mittelpunkt gestellt werden. Eine maßgebliche Initiative, die für diesen Anspruch steht und ihn bereits sehr erfolgreich lebt, sind die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung. Ich sehe im Teilnehmerkreis viele, die in einem solchen Zentrum aktiv sind und. es mit großem Engagement voranbringen.

Die innere Medizin ist ein breites Feld. So ist es kein Wunder, dass nahezu alle Indikationen, zu denen wir sechs Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung errichtet haben, auch in der inneren Medizin vertreten oder doch zumindest sehr eng mit dieser verbunden sind. Genannt seien beispielhaft die Pneumologie, Kardiologie, die Infektiologie oder die Onkologie und der für die moderne Gesellschaft immer bedeutender werdende Bereich der Diabetologie.

Die Erforschung von Krankheitsursachen, möglichen Therapien sowie geeigneten Präventionsmaßnahmen im Bereich der inneren Medizin ist für das BMBF auch in der neuen Legislaturperiode ein zentrales Anliegen.
Hier kann einem für unsere neue Bundesministerin besonders wichtigem Aspekt Rechnung getragen werden: wissenschaftlichen Fortschritt und seine positive Wirkung für die Menschen spürbar, erfahrbar zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen sollen u. a. die Hochschulmedizin, also Sie und Ihre Einrichtungen gezielt gestärkt werden. Denn die Universitätskliniken mit ihren Patienten sind der natürliche Ort für Translation und bilden somit einen wesentlichen Teil der Partnereinrichtungen der DZG.

Die Hochschulmedizin kann seit vielen Jahren auf diese Projektförderung des BMBF in der Gesundheitsforschung bauen. Sie hat die translationale Forschung maßgeblich vorangebracht und zum Teil wichtige Grundlagen für die DZG gelegt.

Beispielhaft seien hier die Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren oder die Kompetenznetze genannt. In unserer Strategie sehen wir die Förderung der DZG und die Projektförderung des BMBF als komplementäre Maßnahmen an.

Mit den DZG ist es uns gelungen, zu sechs großen Volkskrankheiten universitäre und außeruniversitäre Partner auf gleicher Augenhöhe zusammenzubringen, die sich auf der Basis gegenseitiger vertrauensvoller Kooperation einem gemeinsamen Ziel verschrieben haben.
Es kommen hier nicht nur Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen exzellenten Einrichtungen aus ganz Deutschland zusammen. Vielmehr werden wichtige Akteure unterschiedlicher Stufen der frühen Translation von der Grundlagenforschung bis in die Klinik langfristig miteinander vernetzt. Alle arbeiten gemeinsam daran, die translatorischen Prozesse und den Erkenntnisgewinn vom Labor zum Krankenbett und wieder zurück zu beschleunigen. Dabei profitieren sie von dem direkten Austausch untereinander, den es vor den DZG in dieser konzentrierten Form in einem Krankheitsbereich in Deutschland nicht gab.  

Durch die Zusammenarbeit der verschiedenen Einrichtungen haben die Forschenden nun auch Zugang nicht nur zu den Ressourcen bei sich vor Ort, sondern bei allen Partnern des jeweiligen Deutschen Zentrums. Große Infrastrukturen und wissenschaftliche Geräte sind kostspielig in Anschaffung und Unterhalt und rentieren sich nur bei hoher Auslastung. Eine Spezialisierung in einem Bereich bedeutet aber, dass Mittel in anderen wichtigen Bereichen fehlen. Dieses Problem lösen die Deutschen Zentren auf: Investitionen stehen allen Partnern zur Verfügung und werden nutzergerecht sowie wirtschaftlich finanziert.

Einen besonders wertvollen Schatz bilden Daten- und Biobanken. Auch hier sind die Zentren dabei, einrichtungsübergreifende Netzwerke und Standards zu etablieren, so dass den einzelnen Forscherinnen und Forschern eine breite Grundlage für ihre Untersuchungen zur Verfügung gestellt werden kann.

Beides kann jedoch noch besser und effektiver geschehen und so gab der Wissenschaftsrat den Zentren und uns, der Politik bzw. den Zuwendungsgebern Hinweise, was noch getan werden sollte – darauf komme ich gleich zurück.

Wichtig bei der Einrichtung der DZG war uns auch, dass dafür zusätzliche Mittel bereitgestellt werden, die gerade auch den Universitäten und der Universitätsmedizin zugutekommen. Von den gut 80 Mitgliedern der DZG sind 50 Universitäten und Universitätskliniken. Und eine weitere Zahl ist beeindruckend: Seit der Gründung der ersten Zentren im Jahr 2009 hat allein der Bund mittlerweile über eine Milliarde Euro in die DZG investiert. Jährlich liegt das Gesamtbudget pro Jahr bei über 250 Millionen Euro und wir sind weiterhin darum bemüht, auch diesen Betrag noch zu erhöhen. Damit erreichen wir in jeder der Indikationen, zu der wir ein Deutsches Zentrum eingerichtet haben eine kritische Masse, um gerade die frühe Translation bis zur ersten Anwendung im Menschen ein großes Stück voranzubringen und die Anschlussfähigkeit an die nächsten Schritte im Translationsprozess zu verbessern.

Mit den Mitteln für die DZG investieren wir aber nicht nur in die Gesundheit der Menschen, sondern auch in die Zukunft junger Talente in Forschung und Klinik. Ein mit der Errichtung der DZG verbundener Auftrag war, dass sich die Zentren besonders um den wissenschaftlichen Nachwuchs kümmern sollen. Zu den verschiedenen bereits existierenden Förderprogrammen haben die Deutschen Zentren daher weitere Möglichkeiten etabliert, junge Talente bei einer Tätigkeit im Bereich zwischen Labor und Klinik zu unterstützen. Dabei geht es insbesondere darum, zwischen Grundlagenforschung und Klinik attraktive Karrieremöglichkeiten in der Translation einzurichten. Ich freue mich, dass die Zentren auch hier Erhebliches auf der Habenseite vorweisen können.

An den DZG besteht ein zunehmendes Interesse im Ausland, sei dies als Kooperationspartner bei internationalen Forschungsvorhaben oder auch als potentieller Arbeitsplatz. Durch die Kooperation in den DZG haben die ohnehin schon exzellenten deutschen Partnereinrichtungen die Möglichkeit, international noch weiter nach vorne zu kommen oder sogar eine Spitzenposition einzunehmen. So kommen sowohl die internationalen Gutachterinnen und Gutachter bei den Evaluierungen der einzelnen Zentren als auch die Mitglieder des Wissenschaftsrates zu dem Schluss, dass mit den DZG etwas ganz Besonderes entstanden ist, das zunehmend auf internationales Interesse stößt und schon ein paar Jahre nach Gründung der Zentren eine große Bedeutung in der deutschen Gesundheitsforschung und darüber hinaus erlangt hat.

Auch wenn die DZG ihre Aufbauphase nun alle erfolgreich abgeschlossen haben, so heißt dies nicht, dass das Entwicklungspotential der DZG bereits ausgeschöpft sei. Mit dem Erfolg der Zentren wachsen natürlich auch die Anforderungen an diese, ihrer Aufgabe noch besser gerecht zu werden und ihre Rolle zu finden und auszufüllen. Der Wissenschaftsrat hat hierzu im Sommer letzten Jahres seine Empfehlungen veröffentlicht. Damit wurde nun ein intensiver Diskussionsprozess in den Zentren und auch bei uns im BMBF und mit den Sitzländern angestoßen, um ein neues Kapitel in der Entwicklung der DZG aufzublättern. Politik und Wissenschaft sind hier gefordert und werden gemeinsam die Weichen für die Zukunft stellen.

Wie bereits erwähnt haben wir mit dem neuen Koalitionsvertrag die Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt der Gesundheitsforschung gestellt. Wir wollen die Gesundheitsforschung zusammen mit den Ländern in einem ganzheitlichen Ansatz denken und entsprechend weiterentwickeln. Die DZG sind dabei ein zentrales Element, mit dem wir die Translation der Forschungsergebnisse bei den Volkskrankheiten weiter beschleunigen wollen.

Die Zukunft der DZG kann nur dann erfolgreich verlaufen, wenn die Gesundheitsforschung als Ganzes weiter gestärkt wird. Die Förderung der DZG soll auch weiterhin nicht zu Lasten anderer Maßnahmen in der Gesundheitsforschung, sondern als Teil einer kohärenten Gesamtstrategie erfolgen.

Nach ihrer Aufbauphase befinden sich nun alle DZG in einem eingeschwungenen Zustand. [Die jährlichen Budgets werden in voller Höhe in Projekten bei den Partnern umgesetzt und, sofern vorhanden, noch nicht verbrauchte Mittel aus Vorjahren zusätzlich in neue Vorhaben investiert.]
Über einen regelmäßigen, jährlichen Aufwuchs bei den DZG, wie ihn andere Wissenschaftseinrichtungen, die Mitglied im Pakt für Forschung und Innovation (PFI) sind, erhalten, wurde durch Bund und Länder noch nicht entschieden. Es ist völlig klar, dass ein fehlender regelmäßiger Aufwuchs, der zumindest die allgemeinen Kostensteigerungen abdeckt, auf Dauer schwerwiegende Folgen für die Zentren hätte. Hier sind die Zuwendungsgeber gefragt, die DZG in angemessener Weise zu unterstützen. Diesem Thema werden wir uns in dieser Legislaturperiode mit Vorrang widmen.

Trotz einer Verbesserung des Finanzierungsverfahrens ab 2017 sind noch weitere Schritte notwendig, um die langfristige Perspektive für die DZG weiter zu stärken. Der Wissenschaftsrat hat an dieser Stelle die Direktförderung der Vereine der bisher im sogenannten Weiterleitungsmodell organisierten DZG empfohlen. Die Zuwendungsgeber, also das BMBF in engem Austausch mit den beteiligten Ländern, werden sich dazu eng abstimmen und prüfen, wie diese zentrale Empfehlung bestmöglich umgesetzt werden kann. Auch dieses Vorhaben wollen wir mit Nachdruck vorantreiben.

Die DZG sind keine geschlossene Gemeinschaft – sie sind vielmehr als „atmendes System“ gedacht, in dem die besten Partner sich um die Beschleunigung des Translationsprozesses bemühen. Durch verschiedene Prozesse kann es zu Änderungen bei der Zusammensetzung der DZG kommen. Die Zuwendungsgeber werden hierzu ein wissenschaftsgeleitetes Verfahren etablieren, das unabhängig die Bedarfe der Zentren identifiziert und notwendige Anpassungen ermöglicht. Dies ist für die langfristige Akzeptanz und Reputation der DZG in der wissenschaftlichen Community von entscheidender Bedeutung.

Von verschiedensten Akteuren wurde bereits der Ruf nach neuen Zentren laut. Das BMBF sieht sich durch den Wissenschaftsrat in seiner bisherigen Haltung bestätigt, erst die bestehenden DZG erfolgreich zu etablieren und weiterzuentwickeln, bevor Überlegungen für neue Zentren angestellt werden.

Der Wissenschaftsrat hat zentrale Herausforderungen beschrieben, denen sich die DZG selbst in Zukunft verstärkt widmen sollten, gerade auch mit Blick auf die Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit der Gesundheitsforschung in ganz Deutschland.

Der Umgang mit großen Datenmengen ist eine der großen aktuellen Herausforderungen aber auch eine enorme Chance in der Gesundheitsforschung, die Verbindung von bestehenden Datenbanken zur gemeinsamen Nutzung dieses Informationsschatzes birgt ein weiteres großes Potential. Aufgrund ihrer Struktur und Ausrichtung bieten die DZG die ideale Grundlage, sich dieser Aufgabenstellung zu widmen und nicht nur innerhalb der einzelnen Zentren, sondern auch gemeinsam neue Standards und neue Netzwerke für die lebenswissenschaftliche Forschung in Deutschland zu etablieren.

Gleiches gilt für Biobanken und große Infrastrukturen. Durch die gleichberechtigte Nutzung von Infrastrukturen innerhalb der DZG durch alle ihre Partner ist es nicht mehr nötig, kostenintensive Infrastrukturen bei jedem Partner oder an jedem Standort zu errichten und zu betreiben. Die Zuwendungsgeber haben Mittel für den Aufbau der notwendigen Infrastrukturen bereitgestellt und tun dies weiterhin. Die Zentren sind nun ihrerseits gefragt, gemeinsame Standards zu definieren und Zugangsberechtigungen zu vereinbaren, damit alle Partner in den DZG gleichermaßen profitieren.

Soll Translation langfristig gelingen, müssen genügend junge Forscherinnen und Forscher ansprechende Beschäftigungsmöglichkeiten in diesem Feld erhalten. Für in der Klinik tätige Ärztinnen und Ärzte sollen Möglichkeiten zur Forschung eingeräumt werden. Attraktive Karrierewege sind hierbei genauso zu schaffen wie ein Arbeitsumfeld, das es jungen Menschen erlaubt, berufliche und familiäre Herausforderungen miteinander in Einklang zu bringen ohne wissenschaftliche Tätigkeit und Karriere einzustellen.

Die DZG sollten im Rahmen ihres translatorischen Auftrages das Ziel ihrer Forschungsaktivitäten nicht aus dem Blick verlieren – den Patienten. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, das die systematische und angemessene Einbindung von Patienten in die Strukturen und Prozesse innerhalb der DZG gelingt und ausgebaut wird. Der angelsächsische Raum hat uns hier einiges voraus.

Durch die Vernetzung innerhalb der DZG und auch zwischen den Zentren besteht ein ganz erhebliches Potenzial. Dieses sollte genutzt werden, um einen entscheidenden Beitrag zur Bewältigung der großen Herausforderungen in der Gesundheitsforschung zu leisten. Hierzu sollten die Anregungen des Wissenschaftsrates durch die Zentren aktiv aufgegriffen werden und sogenannte Flagship-Projekte in der Translationsforschung initiiert werden. Diese werden Strahlkraft über die Zentren hinaus entwickeln und den Erfolg der DZG nachhaltig dokumentieren und nach außen tragen.

Der kontinuierliche Austausch zwischen Wissenschaft, Ärztinnen und Ärzten, Patientinnen und Patienten und der Politik ist Voraussetzung dafür, um das Erreichte bei den DZG noch besser zu machen und langfristig zu sichern. Deshalb danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und bin gespannt auf die sich anschließenden Vorträge und Wortmeldungen.

Ich wünsche Ihnen allen für heute einen guten Austausch und für ihre weitere berufliche Tätigkeit gutes Gelingen!