"Zukunft der Universitätsmedizin in Deutschland. Wie bleiben wir international an der Spitze? Welche Rolle spielt der Bund?"

Eröffnungsrede des Parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, anlässlich des XI. Innovationskongresses der Deutschen Hochschulmedizin e.V. in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Professor Kroemer,
sehr geehrter Herr Professor Albrecht,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

I Prolog

Die Universitätsmedizin ist der Knotenpunkt unseres Wissenschafts- und Gesundheitssystems. Sie muss gute Gesundheitsversorgung, wissenschaftliche Spitzenleistungen und wirtschaftliche Überlegungen in Einklang bringen.

Die Leistungs- und Innovationskraft der Universitätsmedizin ist für unsere Gesellschaft von entscheidender Bedeutung. Die Stärkung der Universitätsmedizin ist uns, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, ein ganz besonderes Anliegen.

Deshalb bin ich Ihrer Einladung, über die Zukunft der Universitätsmedizin in Deutschland zu sprechen, gerne gefolgt.

Die deutsche Universitätsmedizin ist stark aufgestellt. Ihre Gesundheitsforschung und Gesundheitsversorgung zählen zur internationalen Spitze. Doch ist das kein Selbstläufer. Zentrale Entwicklungen sollte unsere Universitätsmedizin mit anführen, damit wir unsere internationale Spitzenposition halten.

II Herausforderungen und Chancen für die Universitätsmedizin

Die Universitätsmedizin befindet sich in einem enormen Spannungsfeld. Auf der einen Seite sehen wir große Chancen. Sie entstehen durch technologische Durchbrüche — zum Beispiel bei der Gensequenzierung, in der Robotik oder bei den bildgebenden Verfahren. Auch die zunehmende Digitalisierung in der Medizin eröffnet ganz neue Perspektiven.

Auf der anderen Seite steht die Universitätsmedizin vor ebenso großen Herausforderungen. Der demografische Wandel verlangt viel von unserem Gesundheitssystem. Er lässt den Bedarf an medizinischen Leistungen steigen und erhöht gleichzeitig den Druck, Kosten zu begrenzen. Universitätskliniken — Sie wissen das nur zu gut — unterliegen besonderen wirtschaftlichen Zwängen. Das spiegelt sich in der angespannten finanziellen Situation der Universitätsmedizin wider.

Insgesamt zeigt sich deutlich: In unserer Gesellschaft steigt die Nachfrage nach medizinischem Fortschritt. Der Gesundheitssektor ist im Begriff, einer der wichtigsten Zukunftsmärkte überhaupt zu werden. Zwei Trends spielen dabei eine zentrale Rolle. Beide haben das Potenzial, Versorgung und Forschung deutlich zu verbessern — und langfristig auch effizienter zu machen. Ich spreche von der Individualisierung der Medizin und dem Verschmelzen von Medizin und Informationstechnologien.

Der Trend zur Individualisierung ist einer der wichtigsten Innovationstreiber in unserem Gesundheitssystem. Zahlreiche Teams engagierter Forscherinnen und Forscher suchen fieberhaft nach wirkungsvolleren, individualisierten Therapien. Für einige Erkrankungen sind schon heute individuelle Behandlungen möglich — vor allem auch durch Fortschritte in der molekularen Diagnostik. Um nur ein Beispiel zu nennen: Genetische Veränderungen im Erbgut einzelner Patienten geben Ärztinnen und Ärzten heute wichtige Hinweise auf die bestmögliche Behandlung von Darmkrebs oder Leukämie. Bei anderen Krankheitsbildern — vor allem wenn die molekularen Ursachen noch nicht entschlüsselt sind — bedarf es weiterer Forschungsarbeit, bevor individuelle Therapien greifbar werden. Glaubt man aktuellen Prognosen, dann wird die individualisierte Medizin im Jahre 2030 ihren Durchbruch erleben — hier wäre ich gespannt auf Ihre Einschätzung.

In der Forschung für eine individualisierte Medizin zeigt sich eine Entwicklung ganz deutlich: Die engen Grenzen von Einzeldisziplinen werden aufgehoben. Es entstehen junge Forschungszweige, die durch eine neue Qualität der interdisziplinären Zusammenarbeit überzeugen. Ein Beispiel dafür ist die Systemmedizin: Im Wechsel von Laborversuch und Modellierung am Computer werden biologische Vorgänge mathematisch beschrieben. Das erlaubt uns schon heute Vorhersagen über komplexe Prozesse im menschlichen Körper.

Die Schnittstelle zwischen Medizin und Mathematik bilden dabei die Informationstechnologien. Sie ermöglichen die Auswertung der riesigen Datenmengen, die bei der Analyse unserer Gene, Proteine oder Metaboliten entstehen. Sie ermöglichen es, Daten in Informationen und schließlich in neues Wissen zu übersetzen.

Informationstechnologien gewinnen in der Medizin immer mehr an Bedeutung — durch die systemmedizinische Forschung, aber vor allem auch durch die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Die Folge: Medizin und Informationstechnologien werden immer stärker zusammenwachsen. Dadurch ergeben sich Chancen für Forschung und Versorgung. Es ergeben sich auch ganz neue Geschäftsmodelle — z.B.  für Apps, mit denen wir unseren Gesundheitszustand überwachen können. Diese Entwicklungen werden auch der individualisierten Medizin weiteren Schub geben.

Meine Damen und Herren, wenn wir international an der Spitze bleiben wollen, müssen wir uns auf diese Trends einstellen. Mehr noch: Ziel der Universitätsmedizin sollte es sein, diese Trends auch international anzuführen und sie in Innovationen umzusetzen. Denn die Universitätsmedizin spielt in unserem Innovationssystem eine ganz entscheidende Rolle. In der Universitätsmedizin ist der Weg von der Wissenschaft in die klinische Praxis besonders kurz. Damit ist die Universitätsmedizin von zentraler Bedeutung für die Translation, für die Überführung neuer Erkenntnisse in die medizinische Versorgung. Sie sorgt in der Aus- und Weiterbildung dafür, dass der Umgang mit neuen Technologien für den wissenschaftlichen und ärztlichen Nachwuchs selbstverständlich wird. Damit schafft sie die Grundlage für künftige exzellente Forschung und Innovation.

III Rolle des Bundes

Ich habe eingangs schon betont: Die Stärkung der Universitätsmedizin liegt uns, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, ganz besonders am Herzen.

Dabei definiert das Rahmenprogramm Gesundheitsforschung die strategische Ausrichtung unserer Förderung. Ein Leitgedanke des Programms ist die engere Verknüpfung von Kompetenzen, Disziplinen und Institutionen. Ein zweiter Leitgedanke ist die schnellere Translation –der Einsatz von Forschungsergebnissen zum Wohle der Patientinnen und Patienten. Ohne die Universitätsmedizin wäre dieses Ziel nicht zu erreichen. Deshalb haben wir im Rahmen dieses Programmes allein im Jahr 2014 herausragende Projekte in der Universitätsmedizin mit rund 156 Millionen Euro unterstützt.

Zu den konkreten Förderschwerpunkten unseres Rahmenprogramms gehören unter anderem die Aktionsfelder „Gebündelte Erforschung von Volkskrankheiten“, „Prävention“ und „Individualisierte Medizin“.

In den Aktionsfeldern des Rahmenprogramms Gesundheitsforschung fördern wir die Etablierung zukunftsweisender Forschungszweige. Wir setzen Impulse zu neuen Querschnittsthemen: Aktuell richten wir unseren Blick auf die Gesundheit besonderer Bevölkerungsgruppen. Welche Gesundheitsförderung und Gesundheitsversorgung hilft Menschen in bestimmten Lebensabschnitten und Lebenssituationen? Dazu wissen wir noch zu wenig. Was wir wissen: Bisherige Konzepte zur Gesundheitsförderung, Prävention und Versorgung sind bei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen nicht gleich wirksam.

Uns interessiert, warum dies so ist und wie der Weg zu einer Lösung aussehen kann. Diese Fragen haben wir in den vergangenen Monaten in einem breit angelegten „Strategischen Dialog“ mit vielen Beteiligten diskutiert. Es zeigt sich: es gibt für jede Bevölkerungsgruppe Besonderheiten — und es gibt für jede Bevölkerungsgruppe zentrale, noch offene Fragen.

Als Beispiel möchte ich die Altersmedizin herausgreifen. Es ist schon lange bekannt, dass Mehrfacherkrankungen im Alter zunehmen. Als Folge davon nehmen Betroffene oft viele unterschiedliche Medikamente ein. Dies führt aber zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Es gibt hierzu erste wichtige Ergebnisse - zum Beispiel die so genannte Priscus-Liste der Medikamente, die im Alter ungeeignet sind.

Wir bereiten im Rahmenprogramm Gesundheitsforschung eine neue Förderinitiative vor, mit der wir Forschungsprojekte zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, arbeitenden Menschen, Männern und Frauen und alten Menschen anstoßen werden. Noch in diesem Jahr wird Bundesforschungsministerin Prof. Johanna Wanka die Forschungsinitiative im Detail vorstellen. Und noch in diesem Jahr sollen die ersten Förderrichtlinien dazu bekanntgegeben werden.

Mit unserer Projektförderung tragen wir dazu bei, dass gesellschaftlich wichtige und zukunftsweisende Forschungsansätze verstärkt aufgegriffen werden. Bei der Etablierung der Systemmedizin können wir heute bereits auf eine erfolgreiche Förderung der vergangenen Jahre zurückblicken. Wir treiben die systemmedizinische Forschung weiter intensiv voran, denn sie ist — wie schon gesagt — ein Schlüssel zur individualisierten Medizin. Für die Etablierung der Systemmedizin stellen wir seit 2013 für einen Zeitraum von acht Jahren  200 Millionen EUR an Fördermitteln allein für die Projektförderung bereit.

Dabei fördern wir gezielt auch Projekte, die den Mehrwert der systemmedizinischen Forschung für Patientinnen und Patienten im Klinikalltag demonstrieren sollen. Denn die schnelle und effektive Translation von Forschungsergebnissen in die Anwendung ist — ich habe es bereits erwähnt — Leitgedanke des Rahmenprogramms Gesundheitsforschung.

Neben den thematischen Impulsen, die wir mit der Projektförderugn setzen, schaffen wir auch die passenden Strukturen in der Forschungslandschaft. Die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung und das Berliner Institut für Gesundheitsforschung sind Beispiele dafür, die ich an dieser Stelle näher beleuchten will.

Das Paradigma der Systemmedizin ist leitend gewesen für die Gründung des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung — kurz BIG. Im April dieses Jahres hat das BIG seine Tätigkeiten als rechtlich selbständige Forschungseinrichtung aufgenommen. Der Bund und das Land Berlin finanzieren das BIG nach dem Schlüssel 90:10 mit insgesamt 300 Millionen Euro in der Aufbauphase bis 2018 und anschließend mit insgesamt etwa 80 Millionen Euro — jährlich! Wir versprechen uns vom BIG wichtige Impulse für eine indikationsübergreifende Betrachtung medizinischer Fragestellungen. Und wir versprechen uns durch die holistische, systemmedizinische Betrachtung innovative Ansätze in der Entwicklung von Präventions-, Diagnose und Therapieverfahren von Krankheiten: Auch unter dem Dach des BIG sollen Patientinnen und Patienten unmittelbar vom systemmedizinischen Forschungsansatz profitieren können.

Um die Translation von der Forschung in die Klinik zu beschleunigen, haben wir die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung gegründet. Mit den Deutschen Zentren wurden die universitäre und außeruniversitäre Forschung zu einigen besonders bedeutsamen Volkskrankheiten gebündelt.

Die Deutschen Zentren sind das Herzstück des Rahmenprogramms Gesundheitsforschung. Viel wurde mit ihnen und in ihnen bewegt. Allein die Zahlen sprechen für sich: Über 100 Institutionen aus mehr als 30 Standorten in Deutschland arbeiten in den Deutschen Zentren zusammen. Insgesamt wurden seit Gründung über 700 Millionen Euro in der Aufbauphase für die Deutschen Zentren bereitgestellt — allein vom Bund! Mit weiteren 70 Millionen Euro beteiligen sich die Sitzländer. Ab diesem Jahr werden die Zentren mit über 200 Millionen Euro vom Bund (und 20 Millionen Euro der Länder) gefördert  — pro Jahr! und dauerhaft.

Wir sehen die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung als wichtigen und dynamischen Impulsgeber. Deshalb haben wir auch die wissenschaftsgeleitete Fortentwicklung der Deutschen Zentren als wichtige Aufgabe im Koalitionsvertrag prominent verankert.

Den Grundstein dafür legt die laufende Begutachtung. Neben dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen wurden bereits das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislaufforschung und das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung von international renommierten Experten begutachtet. Gerade heute endet die Begutachtung des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung. Das Deutsche Zentrum für Lungenforschung ist Ende Oktober dran, gefolgt vom Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung im kommenden Frühjahr.

Und ich darf sagen: Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Allen bisher begutachteten Zentren wurde testiert, den strukturellen Aufbau erfolgreich vorangetrieben zu haben und im internationalen Vergleich herausragende Forschung zu leisten. Ungeachtet der vergleichsweise kurzen Existenz von etwa drei bis fünf Jahren wäre ein Wandel hin zu einer neuen Qualität in der translationalen Forschung eingeleitet und bereits jetzt sichtbar. An welchen Parametern machen die Gutachtergruppen dies fest?

Eine der Kernaussagen ist: Die systematische Überwindung von Instituts- und Fächergrenzen durch die DZG trägt wesentlich dazu bei, dass der angestrebte Mehrwert der Deutschen Zentren größer ist als die Summe der Einzelaktivitäten der in den DZG vereinten Institutionen.

Und an dieser Stelle möchte ich noch eines anmerken: Auch im Ausland verfolgt man die Entwicklung der Gesundheitsforschung und der Deutschen Zentren genau. Das schließt z.B. auch die National Institutes of Health in den USA ein, die im Austausch mit einigen der Deutschen Zentren stehen.

Aber dies ist nur ein Teil der Weiterentwicklung. Damit die Deutschen Zentren langfristig wettbewerbsfähig bleiben ist auch klar: Die Strukturen müssen Schritt halten mit den Anforderungen der modernen biomedizinischen Forschung. Sie sind keine statischen Gebilde, sondern müssen offen sein für neue Entwicklungen und Aufgaben. Ich darf daran erinnern, dass die Zentren noch vor Änderung des Artikel 91 b Grundgesetz gegründet wurden. Mein Haus arbeitet aktuell gemeinsam mit den beteiligten Bundesländern und mit den Deutschen Zentren an Lösungswegen, um die — zugegebenermaßen — etwas komplexen Finanzierungsströme der Zentren zu vereinfachen. Das Ziel ist klar: Die Rahmenbedingungen der Deutschen Zentren sind weiter zu optimieren, wissenschaftlich, strukturell und finanziell. Dies ist ein wirksamer Beitrag, um die Wettbewerbsfähigkeit der Gesundheitsforschung in Deutschland weiter zu stärken und zum Wohle der Menschen wirksam zu machen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Aus aktuellem Anlass möchte ich noch kurz auf die Veränderungen von gesetzlichen Rahmenbedingungen eingehen, die die Universitätsmedizin betreffen. Denn auch das ist ein Thema, bei dem wir uns als Unterstützer der Universitätsmedizin verstehen. Wir stehen in engem und kontinuierlichem Austausch mit den zuständigen Kolleginnen und Kollegen vom Bundesgesundheitsministerium, um Sichtweisen und Interessen der Universitätsmedizin einzubringen.

Erste Erfolge sind sichtbar:

Durch das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz wurden für die Hochschulambulanzen wichtige Änderungen des 5. Sozialgesetzbuches vorgenommen. Die neu formulierten Ermächtigungen der Hochschulambulanzen tragen der Versorgungsrealität besser Rechnung. Die ambulanten Leistungen der Universitätskliniken sollen nun angemessener und leistungsgerechter vergütet werden.

Weitere wichtige Schritte werden aktuell mit dem Gesetz zur Reform der Strukturen der Krankenhausversorgung, dem sogenannten Krankenhausstrukturgesetz, vollzogen. Zur Sicherstellung und Weiterentwicklung einer qualitativ hochwertigen Krankenhausversorgung wird dieses Gesetz wichtige Weichen stellen.

Ich kann die Schlussberatung im Deutschen Bundestag nicht vorwegnehmen. Nur so viel: Wir sind uns der Bedeutung des Gesetzes für die Universitätsmedizin sehr bewusst.

IV Blick in die Zukunft

In den verbleibenden Minuten möchte ich mit Ihnen den Blick in die nahe Zukunft wagen. Damit möchte ich auch den zweiten, so wichtigen Trend in unserem Gesundheitssystem noch einmal aufgreifen: die Verschmelzung von Medizin und IT.

Denn eine Antwort auf Ihre Frage: „Wie bleiben wir international an der Spitze?“ ist: Indem wir Vorreiter an der Schnittstelle von IT und Gesundheit werden.

Der Trend zur Digitalisierung erfasst das Gesundheitswesen — immer mehr Patientendaten sind elektronisch verfügbar. Auch in der biomedizinischen Forschung wachsen die Datenberge rasant. Zusammengenommen hätten diese so wertvollen Forschungs- und Patientendaten enormes Potenzial. Sie könnten die Diagnose und Therapie von Krankheiten entscheidend verbessern.

Heute lassen wir diese Chancen oft ungenutzt, weil Daten und Wissen nicht effizient ausgetauscht und zusammengeführt werden. Für den Austausch von Daten und für ihre Übersetzung in medizinisches Wissen benötigen wir innovative IT-Lösungen. Die Entwicklung dieser Lösungen ist Aufgabe der Medizininformatik.

An dieser Stelle müssen wir feststellen: Deutschland zählt nicht zu den Vorreitern, wenn es darum geht, die Chancen der Digitalisierung in der Medizin zu nutzen. Dabei wäre es gerade für die deutschen Universitätskliniken wichtig, mit der internationalen Entwicklung Schritt zu halten. Wir sind überzeugt: Durch eine zukunftsgerichtete Aufstellung der Medizininformatik hat Deutschland die Chance, international wieder eine Spitzenposition an der Schnittstelle von IT und Medizin einzunehmen. Die Stärkung der Medizininformatik ist deshalb als Ziel im Koalitionsvertrag verankert. In unserem Haus bereiten wir zurzeit ein entsprechendes Förderkonzept für die Medizininformatik vor.

Allzu viel darf ich Ihnen noch nicht verraten. Nur so viel vorweg:

Forschungs- und Versorgungsdaten sollen zusammengeführt werden. Sie sollen über die Grenzen von Institutionen und Standorten hinweg genutzt werden. Es sollen innovative IT-Lösungen entwickelt und eingesetzt werden, die Patientenversorgung und Forschung nachhaltig verbessern können.

Auch hier können die Universitätskliniken Vorreiter sein. Denn sie verbinden wie kein anderer Krankenversorgung, klinische Forschung und Grundlagenforschung. Dabei warten große Aufgaben auf Sie: Es müssen nicht nur innovative IT-Systeme entwickelt werden. Es muss auch ein Kulturwandel herbeigeführt werden: Bei Forscherinnen und Forschern, bei Ärztinnen und Ärzten muss das Interesse geweckt werden, Daten zum Wohle aller zu teilen.

Unser langfristiges Ziel ist ein digital vernetztes Gesundheitswesen, in dem Patienten jederzeit — ob beim Hausarzt, Facharzt oder im Krankenhaus — von präziseren Diagnosen und verbesserten Therapien profitieren. Diese Diagnosen und Therapien sollen auf allen relevanten, weltweit verfügbaren medizinischen Daten und dem daraus ableitbaren medizinischen Wissen beruhen.

Mit anderen Worten: Wenn die Daten sinnvoll genutzt werden, dann hat in der Patientenversorgung die richtige Person die richtige Information zur richtigen Zeit.

Das beschriebene Bild eines digital vernetzten Gesundheitswesens ist zurzeit noch eine Vision. Ich bin aber überzeugt: durch Fortschritte in der Medizininformatik sind wir in der Lage, dieser Vision einen großen Schritt näher zu kommen.

Vielen Dank.