"Zukunft und Nachhaltigkeit müssen zusammengedacht werden"

Grußwort von Staatssekretär Christian Luft anlässlich der Jahrestagung der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030 am 6. Dezember 2019.

NICHT VERWENDEN!!! Christian Luft
Christian Luft, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. © Bundesregierung / Steffen Kugler

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich ­hier dabei sein zu können. Zum ersten Mal gibt die Wissenschaft in einem breit angelegten Prozess Impulse zur Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.

Zukunft und Nachhaltigkeit müssen zusammengedacht werden. Ihr Konferenztitel „Nachhaltige Entwicklung: Eine Frage der Wissenschaft“ lässt sich ohne Weiteres auch übersetzen in: „Zukunft: Eine Frage der Wissenschaft“. Erstens, weil eine Zukunft ohne nachhaltige Entwicklung nicht vorstellbar ist. Aber auch, weil wir ohne eine unabhängige Wissenschaft keine Zukunft haben werden.

Erkenntnisse zum Klimawandel, zu neuen Energieträgern, zu Krankheiten und Behandlungsmöglichkeiten sind nicht das Ergebnis von Stammtischabenden. Nein, Sie sind das Ergebnis von jahrelanger, methodisch fundierter, international vernetzter Forschungsarbeit.

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem schnellen Wandel. Das führt auch zu Unsicherheiten. Meine erste von drei Botschaften heute Morgen ist daher: Evidenzbasierte exzellente Forschung gibt uns Orientierung und Vertrauen.  Deshalb setzt sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung intensiv dafür ein, dass Wissenschaft bei allen Zukunftsfragen an aller erster Stelle steht – sei es bei der Mobilität von morgen, dem Kohleausstieg, dem Klimapaket oder dem Kampf gegen Krebs.

Nachhaltige Entwicklung, die SDGs oder den Klimaschutz würde es ohne diese aus der Wissenschaft kommende Orientierung gar nicht geben. Am Übergang in die „20er“-Jahre des 21. Jahrhunderts brauchen wir aber nicht nur eine normative Nachhaltigkeitsforschung, die den warnenden Zeigefinger hebt. Wir stehen bei Nachhaltigkeit nun vor einer großen Innovationsaufgabe.

Der angekündigte „European Green Deal“ der neuen Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen, mit dem die EU-Politik vollkommen neu auf Klimaziele ausgerichtet werden soll, lässt erahnen, was hier an Innovationspotential vor uns liegt: Klimaneutralität bis 2050, Emissionsfreie Mobilität, Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz in allen Lebensbereichen. Dafür sind neue Ideen gefragt! Daher ist meine 2. Botschaft: Wir brauchen eine innovative Nachhaltigkeitsforschung.

Aus diesem Grund fördert das Forschungsministerium neben der Vorsorgeforschung auch neue Ideen und Technologien für die Nachhaltigkeit. Ein ganz praktisches Beispiel aus unserem gerade erschienenen BMBF-Nachhaltigkeitsbericht:

Im Rahmen unserer Forschungsinitiative „Plastik in der Umwelt“ fördern wir die Untersuchung und Vermeidung von Plastik- und vor allem Mikroplastik-Abfällen in der Umwelt. Einem von uns geförderten Projektpartner ist es mit einem neuartigen Verfahren gelungen, PET-Kunststoffe wieder in ihre Grundbausteine zu zerlegen und somit wiederzuverwenden. Das ist ein wichtiger Schritt um Kunststoffkreisläufe zu schließen und die Umweltverschmutzung zu reduzieren.

Mit solchen Projekten kann uns gelingen, der weltweit führende Standort für nachhaltige Innovationen zu werden!

Gerade aus diesem Grund ist mir meine 3. Botschaft heute besonders wichtig: Zukunftsvorsorge und Innovationsstärke stehen nicht nebeneinander oder gar im Widerspruch. Sie sind zwei Seiten eines modernen Nachhaltigkeitsverständnisses, die sich gegenseitig befruchten können. Natürlich gibt es dabei Zielkonflikte zwischen dem Drang nach Fortschritt, neuen Technologien, neuen Produkten und der Notwendigkeit des Schutzes natürlicher Ressourcen und unserer Gesundheit. Diese Konflikte müssen wir in allen Bereichen ausdiskutieren und schließlich Lösungen finden, die auf solider wissenschaftlicher Basis stehen.

Meine Damen und Herren,

gerade in Deutschland können wir auf den Forschergeist Stolz sein, der hier vorherrscht. Daher bin ich sicher, dass wir gemeinsam mit der Wissenschaft den Weg in eine nachhaltige Zukunft finden werden. Die Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030 haben wir 2017 zusammen mit dem Umweltministerium und dem Entwicklungsministerium und Vertretern aus der Wissenschaft als wichtiges Bindeglied hierfür initiiert. Wir haben dabei bewusst auf Transdisziplinarität gesetzt – also die gemeinsame Entwicklung von konkreten Ideen im Austausch zwischen Wissenschaftlern und Gesellschaftsakteuren.

Ich habe die Anfangsphase der Plattform noch aus meiner Zeit im Bundeskanzleramt in guter Erinnerung. Umso mehr freue ich mich, heute hier zu stehen, und das erste große Ergebnispapier der Plattform entgegen nehmen zu dürfen. Frau Prof. Nanz, Herr Prof. Messner, Herr Prof. Visbeck, ich danke Ihnen stellvertretend als Vertreter der Wissenschaftsplattform für Ihr Engagement und vor allem Ihre Ideen, die sich nun in Ihrem Ergebnispapier niederschlagen.

Ihre Impulse kommen zur rechten Zeit. Denn 2020 wird für die Nachhaltigkeit ein entscheidendes Jahr: Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft steht an, die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie wird neu aufgelegt und es verbleiben dann noch 10 Jahre bis zum Erreichen der SDGs. Wir haben daher im Forschungsministerium 2020 viel vor: Unsere Beiträge zur EU-Ratspräsidentschaft werden im Zeichen der SDGs stehen. Unter anderem, indem wir im Oktober ein „European Forum on Science & Education for Sustainability“ ausrichten. Darin wollen wir mit der EU-Kommission darüber diskutieren, wie die SDGs im neuen EU-Forschungsrahmenprogramm „Horizon Europe“ konkret verankert werden können.

Bereits in knapp zwei Wochen, am 16. Dezember, fällt der Startschuss für eine neue BMBF-Initiative zum Themenkomplex Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Dieser Start erfolgt im Rahmen der Fachkonferenz „Zukunft gestalten: Digital und nachhaltig!“, die wir gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Beirat für Globale Umweltveränderungen ausrichten. Und im Juni 2020 werden wir mit der Ausrichtung der UNESCO-Weltkonferenz zu Bildung für nachhaltige Entwicklung in Berlin den Fokus noch stärker auf eine der zentralen Fragen in der Nachhaltigkeit lenken: Wie können wir Nachhaltigkeit mit ihren verschiedenen, heterogenen Zielen der breiten Öffentlichkeit, gerade Kindern, Jugendlichen, Studierenden und Auszubildenden vermitteln? Neben der wissenschaftlichen Basis ist dies die zweite wichtige Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung.

Schließen möchte ich mit einem Wunsch an die Wissenschaftsplattform: Starten auch Sie ambitioniert ins Jahr 2020! Verstärken Sie Ihre Wirkung in die Wissenschaft. Mit ihrer Initiative zum Beirätedialog haben Sie erstmals alle wissenschaftlichen Beiräte der Bundesregierung an einen Tisch gebracht. So einen fruchtbaren Austausch über die Disziplinengrenzen – und damit auch Ressortgrenzen - hinweg gab es noch nicht!

Aber auch abseits der wissenschaftlichen Politikberatung formieren sich zunehmend Wissenschaftsinitiativen zu Nachhaltigkeitsfragen. Gehen Sie auch auf die Akademien und Fachgesellschaften zu und verstetigen Sie den Dialog zu den Forschungsorganisationen. Denn wir brauchen eine Wissenschaftsplattform, in der ein möglichst breiter wissenschaftlicher Diskurs stattfindet. Nur so können aus der Plattform gute Impulse ausgehen. Impulse, die uns dabei helfen Zielkonflikte aufzulösen und Nachhaltigkeit als Maßstab für eine kohärentere Politik zu nutzen.

Vielen Dank!