Zwei Monate in der Arktis – und kein Eisbär in Sicht

Zwei Monate verbrachte Polarforscherin Heidemarie Kassens auf einem russischen Forschungseisbrecher in der Arktis. Dort machte sie eine besorgniserregende Beobachtung: Während der Expedition erblickte sie keinen einzigen Eisbären auf dem Treibeis.

Forschungsschiff Akademik Tryoshnikov im Packeis der Ostsibirischen-See: Während der Expedition wurden auch Vorarbeiten für die geplante Überwinterungskampagne "MOSAiC" des deutschen Forschungseisbrechers FS POLARSTERN durchgeführt. © AWI / Carina Engicht
In Kiel wird der russische Forschungseisbrecher Akademik Tryoshnikov mit der deutschen Expeditionsfracht (6 Container) beladen. © GEOMAR

In der sibirischen Arktis entnahmen die Forschenden Eis- und Wasserproben an 137 Messstationen.

© Dr. Heidemarie Kassens/GEOMAR
Mit einem großen Korb werden die Wissenschaftler und ihre Ausrüstung vom Schiff auf das Eis transportiert.
Mit einem großen Korb werden die Wissenschaftler und ihre Ausrüstung vom Schiff auf das Eis transportiert. © Heidemarie Kassens/GEOMAR

Eisstation in der Ostsibirischen See bei 80°30' N: Bis zu acht Wissenschaftler arbeiten gleichzeitig auf dem Eis, um das umfangreiche Arbeitsprogramm durchzuführen. Hier werden bis zu zwei Meter lange Eiskerne für biologische Studien gebohrt – Schwerstarbeit!
Eisstation in der Ostsibirischen See bei 80°30' N: Bis zu acht Wissenschaftler arbeiten gleichzeitig auf dem Eis, um das umfangreiche Arbeitsprogramm durchzuführen. Hier werden bis zu zwei Meter lange Eiskerne für biologische Studien gebohrt – Schwerstarbeit! © Heidemarie Kassens/GEOMAR
Das Bongo-Netz im Einsatz. Die Biologen vom Institut für Arktis- und Antarktisforschung in St. Petersburg untersuchen Kleinstlebewesen in der Wassersäule, um Änderungen des Ökosystems zu erfassen.
Das Bongo-Netz im Einsatz. Die Biologen vom Institut für Arktis- und Antarktisforschung in St. Petersburg untersuchen Kleinstlebewesen in der Wassersäule, um Änderungen des Ökosystems zu erfassen. © Heidemarie Kassens/GEOMAR
An der Expedition haben auch vier Studierende des deutsch-russischen Masterstudiengangs für Polar- und Meereswissenschaften POMOR teilgenommen. POMOR wurde im September 2018 für weitere fünf Jahre an der Universität Hamburg akkreditiert.
An der Expedition haben auch vier Studierende des deutsch-russischen Masterstudiengangs für Polar- und Meereswissenschaften POMOR teilgenommen. POMOR wurde im September 2018 für weitere fünf Jahre an der Universität Hamburg akkreditiert. © Georgi Laukert/GEOMAR
Morsches Eis
Morsches Eis © Georgi Laukert/GEOMAR

Seit 25 Jahren unternimmt Arktisforscherin Heidemarie Kassens vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel regelmäßig Expeditionen in die sibirische Arktis. Gerade erst ist die erfahrene Forscherin, die für ihre Verdienste um die deutsch-russische Arktisforschung sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, von einer Expedition zurückgekehrt. Doch diese war anders als alle vorherigen: "Wir haben auf dem Treibeis nicht einen Eisbären gesehen“, berichtet sie bestürzt. „Selbst nahe dem Nordpol sind wir nur auf morsche Eisschollen aus dem letzten Winter gestoßen. Es ist erschreckend, wie deutlich sichtbar der Klimawandel ist.“

Das Projekt CATS - Das arktische transpolare System im Wandel

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt CATS im Rahmen der deutsch-russischen Zusammenarbeit in der Polar- und Meeresforschung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen in CATS, wie sich die sibirische Arktis verändert und wie sich diese Änderungen auf die Ozeanströmungen und auf das Treibeis auswirken. Das Projekt wird von März 2017 bis Februar 2020 mit insgesamt 2,6 Millionen Euro gefördert.

Zwei Monate verbrachte Kassens mit 45 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Bord des russischen Eisbrechers AKADEMIK TRYOSHNIKOV in der sibirischen Arktis. Im Projekt CATS nahmen die Forschenden Eis- und Wasserproben an 137 verschiedenen Messstationen. „Wir haben viele wertvolle neue Daten über die aktuellen Veränderungen des Arktischen Ozeans und der Eisbildung dort gewonnen“, sagt Kassens, die die Expedition von deutscher Seite geleitet hat.

Die sibirische Arktis spielt eine Schlüsselrolle für die Eisbildung in der gesamten Arktis, da die sogenannte Eisdrift hier ihren Ursprung hat. Im Frühling und Sommer bringen die sibirischen Ströme außerdem große Mengen an Süßwasser in diese Region. Die unterschiedlich salzigen Wassermassen beeinflussen den sogenannten zirkumarktischen Randstrom – eine Ozeanströmung, die warmes Wasser aus dem Atlantik transportiert. Dieses warme Wasser könnte potenziell das gesamte arktische Meereis zum Schmelzen bringen, wenn es ins Oberflächenwasser dringen würde.

Das Jahr 2018 war auch in der Arktis außergewöhnlich warm, weshalb die Forscherinnen und Forscher besonders gespannt auf die erhobenen Daten sind. „Sogar noch Ende September befand sich der Eisrand extrem weit im Norden und die Luft- und Wassertemperaturen lagen weit über den Durchschnittswerten der letzten vierzig Jahre“, erklärt Kassens. Die Auswertung der Daten wird die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die nächsten Jahre beschäftigen.

Die Infografik zeigt das Schrumpfen der Meereisfläche über mehrere Dekaden hinweg. © BMBF

Arctic Science Ministerial – Arktiswissenschaftsministerkonferenz in Berlin

Die Arktis rückt Ende Oktober in den Fokus der weltweiten Wissenschaftspolitik: Wissenschaftsministerinnen und -minister aus der ganzen Welt kommen am 25. und 26. Oktober 2018 zur Zweiten Arktischen Wissenschaftsministerkonferenz (2nd Arctic Science Ministerial) in Berlin zusammen. Repräsentanten aus 30 Nationen werden unter Beteiligung von Vertreterinnen und Vertretern der indigenen Völker der Arktis über die Arktisforschung der Zukunft diskutieren, um die internationale wissenschaftliche Kooperation in der arktischen Region zu stärken. Zu diesem Treffen haben Deutschland, die Europäische Kommission und Finnland gemeinsam eingeladen. Begleitet wird die Arktische Wissenschaftsministerkonferenz von öffentlichen Veranstaltungen, die die Faszination der Arktis transportieren und für den dramatischen Wandel dieser Region sensibilisieren sollen.