Zwischen Teleskop und virtueller Brille

Nicht weit von Berlin entfernt ist das digitale Lernen schon Wirklichkeit. In einer Schule in Potsdam teilen Lehrende und Lernende Cloud, Notebook und Maus - mit Erfolg, findet auch Bundesbildungsministerin Karliczek auf ihrer Länderreise.

Auf ihrer Länderreise nach Brandenburg besuchte Bundesministerin Anja Karliczek die Forschungseinrichtungen auf dem Telegrafenberg in Potsdam. Besonders faszinierend fand sie dabei den Refraktor. © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Faust ist ein Strichmännchen. Zumindest im Deutschunterricht der 10. Jahrgangsstufe an der Voltaire Oberschule in Potsdam. Die Lernenden sollen das Verhältnis der berühmten Romanfigur von Johann Wolfgang von Goethe zu deren Widerpart Gretchen analysieren. Aber nicht mit Stift und Papier. Sondern mit Laptop und Tablet. In Kleingruppen entwerfen die Lernenden sogenannte GIFs, also kleine animierte Zeichnungen. Da bekommt Gretchen, scheinbar ratlos, schon mal ein übergroßes Fragezeichen über den Kopf montiert. Faust wiederum spricht zum Betrachter durch Sprechblasen. Das ist ungewohnt, macht den Schülerinnen und Schülern aber richtig Spaß.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek offenbar auch. Begeistert verfolgt sie die kleinen Cartoons auf der Leinwand. Potsdam ist eine Station ihrer Länderreise, und in der brandenburgischen Landeshauptstadt will sie sich ein Bild davon machen, was Schulen aus den fünf Milliarden Euro machen können, die dank des DigitalPakts Schule demnächst zur Verfügung stehen. Erst am Freitag der Vorwoche hatte der Bundesrat den Weg frei gemacht für die nötige Grundgesetzänderung. Beantragt werden die Fördermittel über die Schulträger. „Mit digitalen Medien können wichtige Unterrichtsinhalte für Schülerinnen und Schüler besser verständlich gemacht werden“, sagt die Ministerin.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek besuchte in Potsdam die Voltaire-Gesamtschule und zeigte sich angetan von der technischen Ausstattung. © BMBF / Hans-Joachim Rickel

In Potsdam kann sie das schon jetzt besichtigen. 860 Schülerinnen und Schüler lernen mit modernsten Methoden. Zum Beispiel im Geschichtsunterricht der Oberstufe an Laptops und Tablets. Der Clou: In drei verschiedenen Räumen bieten Lehrende unterschiedliche Themenmodule an. Die Schülerinnen und Schüler entscheiden per Klick eigenständig, welchen Inhalt sie lernen wollen. Über eine Art Ampelsystem markieren sie, welche Themen sie schon gelernt haben. Das wiederum sehen auch die anderen Lernenden – und können gezielt ihre Freunde um Hilfe bitten.

Überhaupt die Laptops. Die sind an der Voltaire-Schule aus vielen Einheiten nicht mehr wegzudenken. Die Inhalte sind auf einem schuleigenen Netzwerk gespeichert, Lehrkräfte wie Lernende können jederzeit und von jedem Ort darauf zugreifen.

Inzwischen werden sogar Klausuren auf den mobilen Geräten geschrieben. Mit Tastatur und Maus statt Stift und Papier. Der Vorteil: Gerade bei langen Arbeiten wie in Deutsch oder Geschichte können die Gedanken besser strukturiert werden. „Die Lernenden können auch später Inhalte ganz am Anfang des Textes einfügen, sie können ganze Inhaltsblöcke verschieben. Das ist eine völlig andere Herangehensweise“, lobt Schulleiterin Karen Pölk. Angenehmer Nebeneffekt: Nach einer fünfstündigen Klausur schmerzen auch die Handgelenke nicht mehr so.

Mehr Raum für Eigenverantwortung

Ministerin Karliczek nimmt sich zwei Stunden Zeit für die Besichtigung, sie ist sichtlich angetan. Immer wieder setzt sie sich zu den Lernenden, hört zu und stellt Fragen. Ob Mehrarbeit entsteht etwa (die Antwort lautet Nein), und ob das Thema Datenschutz eine Rolle spielt (natürlich). Die Schülerinnen und Schüler jedenfalls sind begeistert – auch wenn die Umstellung nicht so leicht war. Nike aus der 11. Klasse, die sich auf ihrem Computer gerade ein Modul zum Islam ansieht, erzählt: „Am Anfang wirkte es erst etwas kompliziert, weil man sich nicht wie im Unterricht zurücklehnen kann. Das Lernen ist aber viel transparenter geworden, weil ich sehen kann, was meine Mitschüler schon gemacht haben. Das moderne Lernen gibt viel mehr Spielraum für Eigenverantwortung“.

Was halten die Schülerinnen und Schüler von den modernen Methoden? Karliczek fragte nach.

© BMBF / Hans-Joachim Rickel

Die Voltaire-Schule ist ein Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Stolz berichtet die Schulleiterin, dass bereits 1998 das Fach Medienkommunikation eingeführt wurde. Heute können die Schülerinnen und Schüler sogar das Abitur darin ablegen – zwar nur im Grundkurs, aber immerhin. Das hört natürlich auch Karliczek gerne. Ihr ist es ein Anliegen, dass die moderne Technik kein Selbstzweck ist, sondern einen pädagogischen Mehrwert bietet.

Der Weg zu einer wirklich digitalen Schullandschaft ist allerdings noch lang. Und selbst an einer Musterschule wie der in Potsdam wird das Geld aus dem DigitalPakt sehnsüchtig erwartet. „Es ist wunderbar, dass der Pakt auf dem Weg ist und wir den digitalen Weg bald weiter verfolgen können“, sagt Schulleiterin Pölk.

Weiter muss jetzt auch die Ministerin, es steht noch ein anderer Besuch auf dem Programm: auf dem Telegrafenberg in Potsdam. An diesem idyllisch im Wald gelegenen Campus forschen große Einrichtungen wie das Deutsche GeoForschungsZentrum, das Alfred-Wegener-Institut, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und viele mehr.

Mit der VR-Brille ins All

Im Hörsaal wird Karliczek schon erwartet. Es sind auch viele Doktoranden gekommen, es geht international zu. In den Gesprächen dominiert englisch. „Dies ist ein Ort der sprechenden Wissenschaft“, lobt die Ministerin. Der Beweis folgt sogleich: Karliczek darf die Sieger des Wettbewerbs „FameLab“ ehren. Der funktioniert so: Wissenschaftler haben drei Minuten Zeit, ihr Forschungsprojekt zu erklären. Möglichst verständlich, gerne auch mit Emotionen – aber ohne PowerPoint oder anderen Schnickschnack. Heraus kommen beeindruckende Vorträge, die Karliczek sichtlich erfreuen. Schließlich fordert die Ministerin ja immer wieder ein, Forschung verständlich und ansprechend zu erklären. „Das ist Wissenschaftskommunikation vom Feinsten“, sagt sie.

Optischer Höhepunkt der Visite: Der Besuch im Großen Refraktor des Leibniz Instituts für Astrophysik. Das Teleskop in der Mitte des Kuppelraumes, das 1899 eingeweiht wurde, ist gewaltig. Um es in die richtige Position zu bringen, muss es von mehreren Motoren angetrieben werden. Die funktionieren auch heute noch. Karliczek hat keine Berührungsängste. „Wahnsinn“, staunt sie, bevor sie sich selbst am Teleskop versucht. Allerdings ist es noch zu hell, erkennen kann sie deshalb nichts. Gut, dass die Forschenden ihr kurzerhand eine Virtual-Reality-Brille aufsetzen, mit der sie einen virtuellen Flug durch die Galaxie unternimmt.

Mehr als 120 Jahre Forschung liegen zwischen den ersten Versuchen mit dem Teleskop und der virtuellen Brille. Nur wenige Jahre dagegen brauchte die Voltaire-Schule, um den Unterricht ins digitale Zeitalter zu führen. Forschung und Bildung entwickeln sich rasant und immer schneller, das hat der Besuch in Potsdam gezeigt. Aber wenn Forschende die Menschen im Land so gut mitnehmen wie an diesem Tag die Ministerin, braucht davor niemand Angst zu haben.